Werte Leserschaft, es gehört mittlerweile zum guten Ton jeder Generation, über die nachfolgende zu schimpfen. Die Jugend von heute verbringt angeblich ihre gesamte Freizeit vor Bildschirmen, kommuniziert ausschließlich über Emojis und hört Musik, die klingt, als hätte jemand einen Taschenrechner in eine Waschmaschine geworfen.
Zumindest wird es so erzählt.
Dieser Verfasser kann nicht leugnen, dass ihm gelegentlich ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen, wenn er an einem beliebigen Freitagabend durch die sozialen Medien scrollt oder die aktuellen Charts betrachtet. Doch wie so oft lohnt sich ein genauerer Blick.
Denn während ein beträchtlicher Teil der Jugend tatsächlich zu elektronischem Einheitsbrei durch die Gegend wippt, entstehen gleichzeitig an anderer Stelle Dinge, die Hoffnung machen.
Zum Beispiel eine junge Band namens XCOMM.
Während viele moderne Bands ihre Musik am Computer glattpolieren, als würden sie einen Versicherungstarif verkaufen wollen, erinnert XCOMM daran, dass Musik auch Ecken und Kanten haben darf. Ja, sogar haben muss. Beim ersten Hören fühlte sich dieser Verfasser unweigerlich an eine jener Bands erinnert, die ihn seit Jahrzehnten begleiten:
Discharge.
Für jüngere Leser sei kurz erklärt: Discharge waren Anfang der Achtziger nicht einfach nur eine Punkband. Ohne Discharge gäbe es vermutlich keinen Crust Punk, der rohe Sound, die Geschwindigkeit und die kompromisslose Energie dieser Gruppe fanden ihren Weg direkt in den Thrash Metal. Die jungen Musiker von Metallica, Slayer, Anthrax oder Exodus standen damals nicht nur auf Black Sabbath oder Motörhead. Sie hörten ebenso begeistert Discharge, GBH und andere britische Hardcore-Punk-Bands.
Besonders bemerkenswert ist dabei eine kleine Randnotiz, die Freunde härterer Musik interessieren dürfte. Der Schlagzeuger von XCOMM ist niemand Geringeres als der Sohn von Ian Scott, Gründungsmitglied und Gitarrist der Thrash-Metal-Legende Anthrax. Nun könnte man vermuten, dass dies lediglich eine nette Fußnote für Metal-Nerds sei.
Doch tatsächlich schließt sich hier ein Kreis.
Denn Bands wie Discharge, GBH oder The Exploited haben die Entwicklung des Thrash Metal maßgeblich beeinflusst. Während viele Menschen Punk und Metal bis heute als zwei getrennte Welten betrachten, war die Grenze zwischen beiden Szenen in den frühen Achtzigern oft fließend.
Und plötzlich steht da eine junge Band wie XCOMM und zeigt, dass diese Ideen auch Jahrzehnte später noch leben.
Bleibt zu hoffen, dass XCOMM sich diese ungestüme Energie möglichst lange bewahrt. Denn die ersten Platten einer Band besitzen oft etwas, das später verloren geht. Sie klingen nach Straße statt Studio, nach Leidenschaft statt Kalkül und nach einer Zeit, in der noch alles möglich scheint. Genau deshalb altern sie oft besser als alles, was danach kommt.
In steter Ergebenheit,
Lord Hadden Langston




