Werte Leserschaft, in einer Welt, in der der Schein alles ist, sind es die unausgesprochenen Wahrheiten, die am meisten schmerzen. Es ist diesem Verfasser dieser Zeilen zu Ohren gekommen, dass sich in den vergangenen Wochen ein längst vergessen geglaubter Gast wieder in Düsseldorf herumtreibt.
Man hat ihn zuletzt an der Supermarktkasse gesehen, im Fortuna-Forum, in den Kommentarspalten, im Busgesprächen auf dem Weg zum nächsten schlechten Auswrtsspiel, als hämischer Kommentar unserer Feinde und sogar in den stillen Momenten zwischen Abpfiff und Einschlafen.
Das Abstiegsgespenst ist zurück.
Zugegeben, noch vor wenigen Wochen hätte man über eine solche Behauptung herzlich gelacht. Die Sonne schien, die Punkte kamen regelmäßig irgentwie aufs Konto und manche besonders optimistische Zeitgenossen begannen bereits heimlich von Dingen zu träumen, über die man besser nicht spricht, solange sie noch mathematisch möglich sind.
Dann folgten fünf Niederlagen in Serie.
Plötzlich wurden Tabellenrechner hervorgeholt, die seit Jahren unbeachtet in irgendwelchen Browser-Lesezeichen schlummerten. Menschen, die noch vor Kurzem über den Aufstieg philosophierten, diskutierten nun die Restprogramme der Konkurrenz. Und irgendwo zwischen Platz neun und Platz fünfzehn entstand dieses vertraute Gefühl. Ein leichtes Ziehen in der Magengegend, ein Hauch von Angstschweiß. Für jüngere Fortuna-Fans mag dies ungewohnt erscheinen. Die Älteren hingegen erkannten sofort die Symptome.
“Ah”, dachte man.
“Da bist du ja wieder.”

Das Abstiegsgespenst und Fortuna Düsseldorf verbindet schließlich eine jahrzehntelange Bekanntschaft. Keine Freundschaft, versteht sich. Eher eine toxische Beziehung mit regelmäßigen Trennungen und unverhofften Wiedersehen.
Während andere Vereine, die einst mit uns auf Augenhöhe verweilten, Aufstiege feiern, seriös wirtschaften oder gar langfristige Strategien entwickeln, halten wir uns zusätzlich und völlig kostenfrei ein Gespenst. Es wohnt normalerweise irgendwo zwischen den alten Betonstufen des Flinger Broichs, ernährt sich von vergebenen Großchancen und erscheint bevorzugt nach Niederlagen gegen Mannschaften, die eigentlich längst geschlagen sein sollten. Manchmal bleibt es jahrelang verschwunden. Und ja, auch der vervasser dieser Zeilen ist darauf hereingefallen und hat sich einlullen lassen, doch dann steht es plötzlich wieder vor der Tür, als wäre nichts gewesen. Natürlich hilft das moderne Fußballgeschäft dabei kräftig mit. Überhastete Trainerentlassungen, fragwürdige Personalentscheidungen und Spieler, bei denen man sich gelegentlich fragt, ob ihre eigentliche Berufung vielleicht doch im Garten- und Landschaftsbau gelegen hätte.
Dieser Verfasser kam jedoch nicht umhin zu bemerken, dass die größte Veränderung gar nicht auf dem Platz stattfand.
Sondern auf den Rängen.
Plötzlich wurde wieder gerechnet. Wieder gemurmelt vor vorgehaltener Hand, wieder sorgenvoll auf die Tabelle geschaut.
Denn seien wir ehrlich: Wer Fortuna Düsseldorf über mehrere Jahrzehnte begleitet hat, kennt dieses Gefühl nur zu gut, es gehört irgendwie dazu. Andere Menschen schauen Horrorfilme, wir verfolgen den Saisonendspurt. Vielleicht liegt darin sogar ein Teil des Charmes. Denn wahre Fortuna-Romantik entsteht nicht in den bequemen Regionen der Tabelle.
Sie entsteht dann, wenn Hoffnung und Verzweiflung gleichzeitig am Tresen stehen und sich gegenseitig eine Runde ausgeben.
Die sozialen Medien füllen sich derweil mit Untergangspropheten. Der Trainer hat plötzlich keine Ahnung mehr. Der Sportdirektor sowieso nicht. Die halbe Mannschaft soll ausgetauscht werden und irgendjemand fordert grundsätzlich immer die Rückkehr eines Spielers, dessen beste Saison ungefähr so lange zurückliegt wie die Einführung des Farbfernsehens.

Als der legendäre Fortuna Fan Club „Schwitzen“ Ende der Achtziger seinen Namen erhielt, geschah dies schließlich nicht ohne Grund. Der alternative Vorschlag lautete bekanntlich „Fortuna Fan Club Abstiegsangst“. Rückblickend betrachtet waren beide Namen ihrer Zeit weit voraus.
Doch Fortuna Düsseldorf wäre nicht Fortuna Düsseldorf, wenn man sich von einem alten Gespenst dauerhaft einschüchtern ließe.
Außerdem gilt in Düsseldorf seit Generationen eine einfache Regel:
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Abstiegsangst hingegen hat bei Fortuna traditionell eine Dauerkarte.
Und sollte es tatsächlich noch ein wenig bleiben wollen, dann wissen die älteren Semester ohnehin, wie man mit solchen Besuchern umgeht.
Tief durchatmen. Ein Alt bestellen. Den Tabellenrechner wieder weglegen. Und weitermachen.
Schließlich haben wir schon deutlich unangenehmere Besucher überstanden.
In steter Ergebenheit,
Lord Hadden Langston




