Wie Mods, Skinheads, Northern Soul, Punks, Casuals und Ultras die moderne Fußballkurve erschufen.
Werte Leserschaft, diesem Verfasser ist zu Ohren gekommen, dass die meisten Menschen glauben, Fußballkultur beginne am Drehkreuz des Stadions. Ein weitverbreiteter Irrtum. Denn lange bevor es Ultras gab, lange bevor Choreografien ganze Tribünen bedeckten und Pyrotechnik zu politischen Debatten führte, war die Kurve bereits ein Schmelztiegel verschiedenster Jugendkulturen. Denn wer heute durch eine Fankurve läuft, begegnet ständig den Überresten längst vergangener Jugendkulturen, ohne sie überhaupt noch zu erkennen.
Der Junge mit der Harrington-Jacke.
Der Ältere mit den hochgekrempelten Levi’s.
Der Typ im Motörhead-Shirt.
Die Fred-Perry-Polos.
Der junge Kerl mit den Adidas Spezial.
Die Bomberjacken.
Die Doc Martens.
Nichts davon ist Zufall. Sie alle erzählen Geschichten. Geschichten, die lange vor den Ultras begannen. Die Geschichte der europäischen Fußballkurve beginnt nämlich nicht im Stadion.
Sie beginnt auf den Straßen Englands.

Alles begann mit den Mods
Anfang der Sechziger entstand in London eine Jugendkultur, die Stil beinahe zur Religion erhob. Die Mods. Maßgeschneiderte Anzüge. Vespas und Lambrettas. Amerikanischer Soul, Jazz und Rhythm & Blues. Während die Rocker Lederjacken trugen und Elvis hörten, fuhren Mods geschniegelt auf ihren Rollern durch die Stadt und verbrachten ihre Wochenenden in Tanzclubs oder beim Fußball Der Parka, der heute noch gelegentlich in Stadien auftaucht, hatte ursprünglich einen ganz praktischen Zweck. Er sollte lediglich den teuren Anzug auf dem Roller vor Regen schützen. Niemand ahnte damals, dass daraus einmal ein Symbol einer ganzen Jugendbewegung werden würde. Wegen der dauerhaften körperlichen Auseinandersetzung mir den verfeindeten Rockern sprach man in der Presse hier auch das erste Mal von “Hooliganismus”.
Wenn man den Stammbaum heutiger Fankultur zeichnen müsste, würden die Mods vermutlich ziemlich weit oben stehen.
Mods never die. Nicht nur bei Soul City finden sich bis heute Spuren der Mod-Kultur. Polohemden, Harrington-Jacken, Desert Boots oder Vespa-Roller sind weit mehr als bloße Mode. Sie sind eine Hommage an jene Jugendkultur, die den Fußball bis heute prägt. Es bedeutet deshalb nicht, dass unsere Gruppe aus waschechten Mods besteht. Es ist vielmehr ein Gruß an die Szene und Ausdruck des Bewusstseins, wo ein großer Teil des heutigen Stadion-Styles seinen Ursprung hat.
Rudeboys. Jamaika trifft England
Ohne die jamaikanische Einwanderung wäre die britische Jugendkultur vermutlich völlig anders verlaufen. Mit Ska, Rocksteady und Reggae kam ein neues Lebensgefühl nach England. Die Rudeboys beeinflussten zunächst die Mods. Später die Skinheads. Und schließlich auch die Fußballtribünen. Deshalb ist es kein Zufall, dass Bands wie Madness oder The Specials bis heute regelmäßig in Stadien laufen.
The Specials waren neben Madness die wohl prägendste Band des Ska-Revivals Ende der Siebzigerjahre. Ihr Einfluss reicht bis heute weit über die Musik hinaus. Zahlreiche Fanclubs und Ultragruppen tragen Namen wie Rude Boys oder Rude Fans. Besonders die Rude Boys Münster sowie die Dortmunder Rude Boys nehmen mit ihren Logos, ihrer Symbolik und ihren eigenen Aussagen ganz bewusst Bezug auf die jamaikanische Rude-Boy-Kultur sowie auf Ska und Reggae. Ein weiteres Beispiel dafür, wie tief die Wurzeln alter Jugendkulturen bis heute in den Fußballkurven reichen.
Skinheads. Arbeiterkinder statt Neonazis.
Kaum eine Subkultur wurde später so gründlich missverstanden. Die ersten Skinheads Ende der Sechziger hatten mit Neonazis herzlich wenig zu tun. Sie waren Arbeiterkinder. Sie hörten Ska, Rocksteady und Reggae. Viele ihrer musikalischen Vorbilder waren schwarze jamaikanische Musiker. Die ersten Skinheads übernahmen sogar Kleidung und Stil der jamaikanischen Rudeboys, die damals nach England eingewandert waren.
Kurze Haare. Hosenträger. Hochgekrempelte Jeans. Dr. Martens. Ben Sherman. Fred Perry.
Bis heute gehören viele dieser Kleidungsstücke praktisch zur Grundausstattung europäischer Fußballkurven. Erst Ende der Siebziger begannen politische Gruppen Teile der Skinhead-Kultur für sich zu vereinnahmen. Was ursprünglich multikulturell begann, wurde plötzlich zum politischen Schlachtfeld.
Ein Irrtum, der bis heute nachwirkt.
Fun Fact: Ende der Sechzigerjahre spaltete sich die Mod-Szene in verschiedene Strömungen auf. Während Traditionalisten, Scooterboys sowie Soul- und Glory Boys dem eleganten Stil treu blieben, entwickelten die sogenannten Hard Mods einen raueren Look. Kürzere Haare, robustere Kleidung und ein stärkerer Arbeiterklassenbezug machten sie zu den direkten Vorläufern der ersten Skinheads. Auch hier zeigt sich, wie eng die einzelnen Jugendkulturen miteinander verwoben sind. Die Skinhead-Kultur ist deshalb bis heute deutlich häufiger in den Fußballstadien anzutreffen als die meisten anderen klassischen Subkulturen.
Punks. Laut, unbequem und gegen alles.
Ende der Siebziger explodierte der Punk. Die Sex Pistols. The Clash. The Damned. Discharge. GBH. The Exploited. Während der Rest der Gesellschaft geschniegelt aussah, liefen Punks absichtlich herum, als hätten sie eine Explosion überlebt. Plötzlich ging es nicht mehr um Eleganz. Sondern um Wut. Um Selbstbestimmung. Um das berühmte “Mach es selbst”.
Viele frühe Fangruppen übernahmen genau diese Haltung. Zaunfahnen wurden selbst gemalt. Aufkleber selbst entworfen. Fanzines selbst geschrieben. Der DIY-Gedanke des Punk lebt bis heute in nahezu jeder Ultragruppe weiter.
Zugegeben Punks und Fußball war keine Liebe auf den ersten Blick, besonders hervorzuheben ist hier natürlich der FC St. Pauli und der Herzensverein des Verfassers dieser Zeilen hier, Fortuna Düsseldorf. Durch die Verbindung mit den Toten Hosen, die sogar eine Zeit lang offizieller Trikotsponsor waren, gibt es bis heute eine Verbindung in der Fußballkurve. Nicht weil Punks den Fußball besonders mochte. Sondern weil Fußball einer der wenigen Orte war, an denen sich unangepasste Jugendliche überhaupt noch trafen. Viele frühe Ultra-Gruppen hörten Punk.
Stylistisch hat der Punk die Kuve bis auf wenig ausnahmen wenig bis garnicht geprägt, die Musik dafür umsomehr. Stück wie:
Cock Sparrer – Take ‘Em All, England Belongs To Me, We’re Coming Back, Because You’re Young, Riot Squat
Cockney Rejects – I’m Forever Blowing Bubbles
Los Fastidios – Antifa Hooligans
Die Toten Hosen – Auswärtsspiel
Sind heute Hymnen und man könnte jetzt endlos so weitermachen.
Fun Fact: Der Sicherheitsbeauftragter vom FC.St.Pauli ist Sven Brux, kam Mitte der 1980er Jahre als aktiver Punkrocker nach Hamburg und fand am Millerntor schnell seine sportliche und politische Heimat. Er gilt als wichtiges Bindeglied zwischen aktiver Ultraszene, Vereinsführung und der Polizei, da er durch seine eigene Vergangenheit tiefen Respekt und maximale Glaubwürdigkeit in der Fanszene genießt.
Fun Fact 2: Während einer sportlichen und finanziellen Krise in der Oberliga retteten die Toten Hosen den Verein Fortuna Düsseldorf, indem sie als Hauptsponsor auf dem Trikot auftraten. Der Totenkopf mit Stern auf der Brust wurde zum absoluten Kultobjekt.
Casuals. Die stilvollste Revolution der Tribüne
Ende der Siebziger änderte sich plötzlich alles. Vor allem in Liverpool. Junge Fans brachten von Europapokalreisen teure italienische Sportmode mit nach England.
Fila. Sergio Tacchini. Lacoste. Diadora. Später Stone Island und CP Company.

Keine Vereinsfarben. Keine Schals. Dafür Fila, Fred Perry, Adidas und später Stone Island. Die Football Casuals machten Mode zur Sprache der Tribüne und bewiesen, dass man auch ohne Vereinswappen sofort erkennen konnte, zu welcher Szene man gehörte.
Der neue Look sollte unauffällig sein und zugleich Stilbewusstsein demonstrieren. Bis heute prägt die Casual-Kultur das Erscheinungsbild vieler europäischer Fanszenen und gilt als wichtiges Bindeglied zwischen Hooligan- und Ultra-Kultur.
Designerkleidung wurde zur neuen Uniform. Die Polizei sollte Hooligans nicht mehr auf den ersten Blick erkennen. Bis heute dürfte der Einfluss der Casual-Kultur weltweit größer sein als der jeder anderen Fußballsubkultur.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Die Football-Casual-Szene gilt als direkte Weiterentwicklung der Mod-Kultur. Stilbewusstsein, hochwertige Kleidung und Understatement verbanden beide Szenen lange bevor Stone Island und CP Company die Tribünen eroberten.
Fun Fact: Viele typische Kleidungsstücke der Football Casuals wie Fred Perry, Harrington-Jacken oder Desert Boots stammen ursprünglich gar nicht aus der Fußballwelt. Sie wurden bereits Jahre zuvor von Mods getragen und fanden erst später ihren Weg auf die Tribünen Europas.
Und heute?
Heute dominieren die Ultras.
Sie sind ohne Zweifel die größte und prägendste Subkultur der modernen Fußballwelt. Doch wer genau hinsieht, entdeckt überall die Spuren ihrer Vorgänger.
Die Kurve vergisst nie. Subkulturen verschwinden nicht einfach. Sie hinterlassen Spuren.
Mods brachten den Stil.
Skinheads brachten die Arbeiterkultur.
Northern Soul brachte Musik und Gemeinschaft.
Punk brachte DIY und Rebellion.
Casuals brachten die Mode.
Hooligans brachten die starke Gruppenidentität und das Revierdenken.
Ultras machten daraus schließlich eine organisierte Fankultur mit Choreografien, Dauersupport und einer klaren Gruppenstruktur.

Genau diese Mischung macht die europäische Kurvenkultur bis heute so einzigartig. Und sie erklärt auch, warum sich Gruppen wie Soul City nie nur als “Fußballfans” verstanden haben, sondern immer auch als Teil einer größeren subkulturellen Tradition.
In steter Ergebenheit,
Lord Hadden Langston




























