Als ich plötzlich merkte, dass es auch ein Leben ohne Fortuna gibt.
Werte Leserschaft, die aufmerksamen Beobachter des Düsseldorfer Gesellschaftslebens werden bereits ahnen, worum es heute geht. Die Erkenntnis das der Mensch an erstaunlich viele Dinge gewöhnen kann. An Homeoffice zum Beispiel. An Videokonferenzen, in denen grundsätzlich immer irgendeiner vergessen hatte, sein Mikrofon auszuschalten. An Abstand halten, Masken tragen und daran, dass plötzlich alle Welt meinte, Hobby-Virologen zu sein.
Nur an eines wollte ich mich partout nicht gewöhnen: an Wochenenden ohne Fußball.
Als der Spielbetrieb im Frühjahr 2020 wegen der Coronapandemie eingestellt wurde, dachte ich zunächst noch: Na gut, in zwei oder drei Wochen geht es bestimmt weiter. Aus zwei Wochen wurden Monate. Und plötzlich passierte etwas, das ich mir in den dreißig Jahren zuvor niemals hätte vorstellen können. Zum ersten Mal seit meiner Jugend bestimmte nicht mehr Fortuna meinen Kalender.
Normalerweise wusste ich bereits im Juli, was ich im November an einem Samstagnachmittag machen würde. Der Spielplan war wichtiger als Geburtstage, Hochzeiten oder irgendwelche Familienfeiern. Wer seit Jahrzehnten Wochenende für Wochenende durch Deutschland fährt, richtet sein gesamtes Leben nach neunzig Minuten Fußball aus. Das merkt man allerdings erst, wenn diese neunzig Minuten plötzlich verschwinden.
Anfangs fühlte sich das ehrlich gesagt ziemlich merkwürdig an.
Man las Bücher, die seit Jahren ungelesen im Regal standen. Traf Freunde, die mit Fußball nie besonders viel anfangen konnten und denen man über die Jahre wahrscheinlich viel zu oft abgesagt hatte, weil ausgerechnet an diesem Wochenende irgendein Zweitligaspiel in Sandhausen oder Aue wichtiger gewesen war. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es außerhalb des Fußballs tatsächlich noch eine ganze Welt gab.
Ich begann zu wandern.
Ja, ich weiß.
Ausgerechnet wandern.
Früher hätte ich mich vermutlich selbst ausgelacht. Menschen in Funktionsjacken mit Wanderstöcken waren für mich ungefähr so spannend wie Hallenhalma bei Regenwetter. Aber ich rede nicht von einem Tagesausflug, sondern hunderte von Kilometern am Stück , schlafen einfach im Wald.
Samstag. 05:15 Uhr.
Normalerweise würde jetzt irgendwo der Treffpunkt beginnen. Einer käme garantiert zu spät. Irgendjemand hätte seine Eintrittskarte vergessen. Im Bus würde bereits das erste Bier geöffnet werden und spätestens hinter Leverkusen würde darüber diskutiert werden, warum der Trainer sowieso keine Ahnung hat.
Stattdessen wachte ich mitten im Wald auf, die Vögel fingen an zu singen , ich machte mir einen Kaffee und stellte mir die Frage, die ich früher vermutlich als Blasphemie empfunden hätte.
Was, wenn Fußball gar nicht der Mittelpunkt meines Lebens sein muss?
Allein dieser Gedanke fühlte sich seltsam an. Fast ein wenig wie Verrat. Während ich mich langsam daran gewöhnte, dass das Leben auch ohne Stadion erstaunlich lebenswert sein konnte, lief der Profifußball allerdings längst wieder.
Geisterspiele.
Die Saison 2020/21 wurde schon vor Geisterkulisse gespielt. Natürlich stieg ausgerechnet in dieser Spielzeit Fortuna aus der Bundesliga ab. Wie sollte es auch anders sein. Aber ich war inzwischen irgendwie zu weit weg, um mich noch ernsthaft darüber zu ärgern. Zu weit weg vom Fußball, von der Ultraszene. Von Fortuna.
Ich kann bis heute nicht sagen, was ich davon schlimmer finde. Den künstlichen Jubel aus den Lautsprechern. Oder die Erkenntnis, dass offenbar niemand den Fan wirklich brauchte. Jahrelang hatte man uns erzählt, die Fans seien das Herz des Fußballs. Plötzlich schlug dieses Herz einfach nicht mehr.

Und die Maschine lief trotzdem weiter. Die Fernsehgelder flossen. Die Werbebanden leuchteten. Transfers wurden diskutiert. Nur wir standen draußen.
Gleichzeitig mussten kleine Kneipen wie Monis Fortuna Eck in Flingern schließen, Konzertveranstalter gaben auf, Künstler bangten um ihre Existenz und viele Menschen wussten nicht, wie sie den nächsten Monat überstehen sollten.
Der Fußball dagegen machte einfach weiter.
Nicht, weil es notwendig gewesen wäre. Sondern weil das Geschäft weiterlaufen musste. Ich weiß noch, wie ich damals zum ersten Mal dachte, dass wir Ultras den Fußball vielleicht viel romantischer sehen, als der Fußball sich selbst sieht. Für uns ging es immer um Gemeinschaft, Freundschaften, Erlebnisse und Erinnerungen. Für den modernen Fußball offenbar um Einschaltquoten.
Das tat weh. Nicht wegen eines verlorenen Spiels oder dem Abstieg aus der Bundesliga.
Sondern weil plötzlich sichtbar wurde, dass man den wichtigsten Teil des Fußballs einfach ausgesperrt hatte und erstaunlich viele Menschen das offenbar völlig in Ordnung fanden.
Vielleicht hat Corona deshalb auch meine Beziehung zur Ultraszene verändert. Nicht aus Streit. Auch nicht aus Enttäuschung. Sondern einfach, weil Zeit vergangen war.
Die Freude auf eine Wanderung konnte plötzlich genauso groß sein wie früher die Vorfreude auf ein Auswärtsspiel.
Und das hätte ich mir zehn Jahre zuvor niemals eingestanden.
Irgendwann werden die Stadien wieder voll sein, die Gesänge zurückkehren und auch die Auswärtsbusse wieder rollen. Wird der Fußball nach Corona wieder derselbe sein?
Der Fußball vielleicht schon. Ich allerdings nicht mehr.
Die Zeit wird es zeigen… und dieser Verfasser wird es niederschreiben. In steter Ergebenheit,
Lord Hadden Langston




