Von einer kleinen Eckkneipe und ihrem erstaunlich großen Ruf
Werte Leserschaft,es gehört zu den Eigenheiten unserer Stadt, dass die besten Geschichten selten dort entstehen, wo man sie erwarten würde Es soll Städte geben, in denen Straßen nach Kaisern, Generälen oder berühmten Dichtern benannt werden. Düsseldorf hingegen besitzt tatsächlich eine Fortunastraße. Allein dieser Gedanke gefällt diesem Verfasser außerordentlich gut. Es gibt schließlich schlechtere Dinge, nach denen eine Straße benannt werden kann.
Der Name geht auf das Jahr 1933 zurück. Fortuna hatte wenige Wochen zuvor völlig überraschend die Deutsche Meisterschaft gewonnen und ganz Düsseldorf stand Kopf. Die Stadt beschloss kurzerhand, dem Verein eine eigene Straße zu widmen. Eine Entscheidung, über die sich dieser Verfasser auch mehr als neunzig Jahre später noch freut.
Allerdings wäre die Fortunastraße vermutlich einfach nur eine weitere kleine Seitenstraße in Flingern geblieben, wenn sich dort nicht über Jahrzehnte ein Ort befunden hätte, den wahrscheinlich jeder Fortuna-Fan irgendwann einmal betreten hat.
Das Fortuna-Eck. Oder einfach: Bei Monis.
Eigentlich war der Name immer ein bisschen irreführend. Wer zum ersten Mal hörte, dass es in der Fortunastraße ein Fortuna-Eck gab, stellte sich vermutlich irgendeine Art Vereinslokal vor. Einen Treffpunkt der Fanszene, voll mit Schals, Wimpeln und Erinnerungsstücken. Vielleicht sogar so etwas wie das Wohnzimmer der Ultras.

Die meisten Gäste waren natürlich Fortuna-Fans. Aber eben nicht nur. Da saß der Elektriker neben dem Rentner. Künstler neben Handwerkern. Studenten neben Schichtarbeitern. Und mittendrin Moni, die vermutlich jeden Gast beim Namen kannte. Das Fortuna-Eck war keine Fußballkneipe. Es war eine dieser alten Eckkneipen, die früher in fast jedem Stadtteil standen und von denen heute erschreckend wenige übrig geblieben sind.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich diese Kneipe immer mochte.
Auch Soul City verbindet einige ziemlich schöne Erinnerungen mit diesem Laden. Zweimal veranstalteten wir dort einen Soul City Allnighter. Northern Soul, Ska, Punkrock bis tief in die Nacht, die komplette Ultraszene unter einem Dach, alte Platten, kaltes Bier und eine Tanzfläche, auf der sich Menschen bewegten, als gäbe es den nächsten Morgen nicht.
Moni erzählte uns später schmunzelnd, dass wir an diesen Abenden den zweithöchsten Umsatz in der Geschichte ihrer Kneipe gemacht hätten.
Geschlagen wurden wir lediglich von einer Feier der Toten Hosen. Mit Platz zwei konnten wir erstaunlich gut leben.
Überhaupt scheinen sich in der Fortunastraße die Wege von Fortuna und Musik immer wieder zu kreuzen. Mehrere Mitglieder der Toten Hosen wohnten zeitweise hier. Vielleicht ist das gar kein Zufall. Flingern war schließlich schon immer ein Viertel, in dem Fußball, Punkrock und Eckkneipen irgendwie selbstverständlich zusammengehörten.
Eine Sache muss allerdings noch erzählt werden, die zu bemerkenswert ist, um sie für sich zu behalten.
Vor einigen Jahren hielt es eine rivalisierende Ultragruppierung, die Proud (De)Generation Duisburg für eine ausgezeichnete Idee, sich nachts mit ungefähr zwanzig Mann vor dem Fortuna-Eck aufzustellen. Man wollte ein möglichst martialisches Gruppenfoto aufnehmen und veröffentlichte das Ergebnis später stolz auf der eigenen Internetseite.
Die Wirklichkeit war allerdings deutlich weniger spektakulär.
Moni erzählte diesem Verfasser später lachend, dass die Jungs ausgesprochen höflich gewesen seien. Sie hätten freundlich gefragt, ob sie kurz ein Foto vor der Kneipe machen dürften.
Natürlich durften sie.
Leider verschwinden solche Orte immer häufiger. Erst ziehen Künstler in ein Viertel. Dann entdecken Investoren das Potenzial. Danach eröffnen Cafés, in denen ein Cappuccino plötzlich mehr kostet als früher drei Altbier. Irgendwann ist von dem alten Viertel nur noch die Fassade übrig.
Auch Monis Fortuna-Eck überlebte diese Entwicklung am Ende nicht. Eine Petition verschaffte der Kneipe zwar noch einen kleinen Aufschub, doch dann kam Corona. Was die Kündigung nicht geschafft hatte, erledigte schließlich die Pandemie.


Hier sieht man ein Luftbild aus dem Jahr 1927, als die heutige Fortunastraße noch Austraße hieß.
Fun Fact: Nach der ersten Deutschen Meisterschaft von Fortuna Düsseldorf im Jahr 1933 benannte die Stadt die Austraße in Fortunastraße um. Eine nette Besonderheit: Die Fortunastraße endet tatsächlich mit der Hausnummer 33 – passend zum Meisterjahr 1933.
Heute existiert die Fortunastraße natürlich immer noch. Der Name erinnert weiterhin an die Deutsche Meisterschaft von 1933. Doch wenn dieser Verfasser dieser Zeilen dort vorbeikommt, denkt er längst nicht mehr an diesen Titel.
Er denkt an Moni. An zwei Allnighter. An Oberliga am Flinger Broich. An kaltes Altbier, das Klackern der Gläser und Gespräche, die irgendwann in der Nacht völlig egal wurden.
Und daran, dass eine einfache Eckkneipe manchmal sehr viel mehr über eine Stadt erzählt als jedes Hochglanzprojekt, das später an ihrer Stelle entsteht. Vielleicht war Monis nie die wichtigste Kneipe Düsseldorfs. Aber sie war eine von denen, die einer Stadt Charakter verliehen. Und Charakter lässt sich bekanntlich nur schwer durch Eigentumswohnungen ersetzen. Und wieder verschwand ein kleines Stück jenes Düsseldorfs, das sich nie besonders wichtig nahm.
Solche Orte vermisst man meistens erst dann, wenn sie für immer verschwunden sind.
In diesem Sinne… Ihr ergebener
Lord Hadden Langston













