Als das Morgen plötzlich heute war.
Werte Leserschaft, es gibt Filme, die altern erstaunlich schlecht. Fliegende Autos fehlen, Marskolonien bleiben aus und auch die seit Jahrzehnten versprochenen Jetpacks warten noch immer auf ihren großen Durchbruch. Und dann gibt es Filme, die man Jahrzehnte später erneut anschaut und bei denen einem irgendwann langsam das Lachen im Hals stecken bleibt.
Soylent Green – Jahr 2022… die überleben wollen gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.
Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich den Film zum ersten Mal sah. Es muss irgendwann Anfang der Achtziger gewesen sein. Damals lief im Abendprogramm des WDR regelmäßig eine Sendereihe mit dem wunderschönen Titel „Der phantastische Film“. Für einen Jungen, der sich ohnehin bereits für Science-Fiction, Monsterfilme und alles begeisterte, was irgendwie nach Zukunft roch, war das natürlich Pflichtprogramm.

Und plötzlich saßen wir alle mit Masken im Supermarkt und diskutierten über Klopapier. Manche Zufälle sind schon bemerkenswert.
Soylent Green entführt uns in das damals noch weit entfernte Jahr 2022. Die Natur ist weitgehend zerstört, die Erde leidet unter permanenter Hitze und Überbevölkerung. Während die Mehrheit der Menschheit in den Straßen New Yorks ums Überleben kämpft und teilweise unter freiem Himmel haust, lebt eine kleine Elite hinter den Mauern luxuriöser Appartementanlagen. Dort gibt es Dinge, die für die meisten Menschen längst zu Legenden geworden sind: fließendes Wasser, Strom rund um die Uhr und echtes Essen.
Die übrige Bevölkerung ernährt sich von streng rationierten Produkten der Soylent Corporation. Unter Namen wie Soylent Red, Soylent Yellow und Soylent Green werden synthetische Lebensmittel verteilt, die angeblich aus Meeresplankton hergestellt werden. Frisches Gemüse, Fleisch oder Obst existieren praktisch nur noch auf dem Schwarzmarkt. Viele jüngere Menschen haben in ihrem gesamten Leben niemals einen Apfel gesehen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Polizist Robert Thorn, gespielt von Charlton Heston, der den Mord an einem hochrangigen Mitglied der Soylent Corporation untersucht. Im Verlauf seiner Ermittlungen stößt er auf ein Geheimnis, das zu den berühmtesten und verstörendsten Enthüllungen der Filmgeschichte gehört.
Besonders eine Szenen hatt sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Charlton Heston und Edward G. Robinson ehrfürchtig vor einem Stück Rindfleisch und einigen Äpfeln saßen, als hätten sie gerade einen Schatz entdeckt. Als Zehnjähriger erschien mir das vollkommen absurd. Heute bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher.
Natürlich leben wir noch immer nicht in einer Welt, in der man Fleisch ausschließlich auf dem Schwarzmarkt kaufen kann. Aber man muss kein Prophet sein, um festzustellen, dass sich unsere Gesellschaft auch in dieser Hinsicht langsam verändert. Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob die Menschheit ihren Fleischkonsum reduzieren muss. Fischbestände schrumpfen, Ressourcen werden knapper und die Frage, wie wir in Zukunft Milliarden Menschen ernähren wollen, ist längst keine Science-Fiction mehr.
Sicherlich werden unsere Enkel eines Tages tatsächlich verwundert fragen, warum man im Jahr 2022 glaubte, es sei vollkommen normal, mehrmals pro Woche Fleisch zu essen.

Hätte mir damals jemand erzählt, dass ich im Jahr 2022 mit einer Maske im Gesicht durch den REWE laufen, hätte ich ihn vermutlich ausgelacht.
Es ist ohnehin faszinierend, wie treffsicher und gleichzeitig völlig ahnungslos Science-Fiction-Filme der Siebzigerjahre sein konnten. Während die Autoren bei Überbevölkerung, Ressourcenknappheit und gesellschaftlicher Ungleichheit erschreckend nah an der Wirklichkeit lagen, gingen sie bei der technischen Entwicklung komplett baden.
Wir schreiben schließlich das Jahr 2022 und jeder von uns trägt einen kleinen Supercomputer in der Hosentasche, mit dem sich innerhalb weniger Sekunden nahezu das gesamte Wissen der Menschheit abrufen lässt. In Soylent Green hingegen laufen selbst Polizisten noch mit Armbanduhren durch die Gegend, die aussehen, als hätten sie bereits mehrere Weltkriege hinter sich, und telefonieren über öffentliche Fernsprecher, die an Hauswänden befestigt sind.
Keine Smartphones. Kein Internet. Keine sozialen Medien.
Charlton Heston jagt in der Zukunft des Jahres 2022 Verbrechern hinterher und muss dafür tatsächlich noch Menschen fragen, wo sie zuletzt gesehen wurden.
Man kann über die Zukunft offenbar vieles vorhersagen. Dass allerdings irgendwann Milliarden Menschen freiwillig Katzenvideos auf kleinen Bildschirmen anschauen würden, lag selbst außerhalb der Vorstellungskraft Hollywoods.
Die Menschen der Siebzigerjahre fürchteten Überbevölkerung, Umweltkatastrophen und Ressourcenknappheit. Wir dagegen fürchten Pandemien, Klimawandel, soziale Medien und die Tatsache, dass mittlerweile selbst Kühlschränke Zugang zum Internet besitzen.
Soylent Green ist ein Film, über den man nach dem Abspann noch lange nachdenkt. Vor allem wegen seines berühmten Endes, das zu den großen Enthüllungen der Filmgeschichte gehört. Keine Sorge, dieser Verfasser wird an dieser Stelle selbstverständlich niemandem den Spaß verderben. Es genügt vollkommen zu sagen, dass Charlton Heston am Ende einen Satz schreit, der sich ähnlich tief in die Popkultur eingebrannt hat wie „Luke, ich bin dein Vater“.
Wer den Film bislang noch nicht gesehen hat, sollte das dringend nachholen.
In diesem Sinne… Ihr ergebener
Lord Hadden Langston




