Im Herzen brennt bengalisches Feuer, leider brennen Fackeln nicht ewig.
Werte Leserschaft, der geneigte Leser möge mir verzeihen, wenn dieser Artikel an der einen oder anderen Stelle nicht die fachliche Tiefe eines ausgewiesenen Hip-Hop-Experten erreicht. Der Autor dieser Zeilen war nämlich Zeit seines Lebens eher in anderen musikalischen Gefilden unterwegs und hat mit Rap und Hip-Hop, zumindest in ihren modernen Erscheinungsformen, nie besonders viel anfangen können. Das bedeutet allerdings nicht, dass man bestimmte Entwicklungen ignorieren könnte. Und wenn es eine Musikrichtung gibt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten tief in die Fußball- und insbesondere in die Ultrakultur eingegraben hat, dann ist es zweifellos Hip-Hop.
Man muss eigentlich nur einmal in einen Auswärtsbus steigen. Irgendwo zwischen Autobahnauffahrt, Raststätte und dem ersten Bier läuft mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Haftbefehl oder irgendein anderer Künstler, dessen Texte der Verfasser dieser Zeilen zwar nicht immer versteht, dessen Bedeutung für die heutige Fußballkultur er aber durchaus erkennt.
Dabei war ich bei den ganz frühen Sachen sogar noch einigermaßen an Bord.
Als Hip-Hop Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre langsam seinen Weg aus den amerikanischen Straßen in die europäischen Jugendzimmer fand, war das musikalisch noch eine ziemlich andere Angelegenheit. Die Sugarhill Gang, Grandmaster Flash and the Furious Five, Afrika Bambaataa oder Run-D.M.C. bedienten sich ausgiebig bei Funk, Soul und Disco, zerlegten vorhandene Musik in ihre Bestandteile und bauten daraus etwas völlig Neues. Vielleicht liegt genau darin der Grund, weshalb der Verfasser dieser Zeilen mit diesen frühen Sachen mehr anfangen konnte. Wenn irgendwo ein guter Funk-Basslauf oder ein Soul-Sample auftauchte, war zumindest eine musikalische gemeinsame Basis vorhanden.
Aber genug von der musikalischen Selbstbiografie des Verfassers. Wir wollten schließlich über Düsseldorf sprechen.
Und über Fortuna.
Und über Der Neue Westen.
Denn spätestens mit dem Beginn der Drittliga-Saison 2008/09 bekam der Düsseldorfer Fußball eine musikalische Begleitung, die weit über einen gewöhnlichen Fansong hinausgehen sollte.
Eine Heimat. Eine Liebe.
Fortuna Düsseldorf spielte zu diesem Zeitpunkt in der 3. Liga und befand sich auf dem Weg zurück dorthin, wo viele Düsseldorfer den Verein schon immer sehen wollten. Die Arena war wieder regelmäßig gut gefüllt, die Kurve entwickelte sich weiter und rund um den Verein entstand eine Aufbruchsstimmung, die man heute wahrscheinlich etwas romantisch als Fußballfieber bezeichnen würde. Es war diese ganz besondere Zeit, in der man das Gefühl hatte, dass gerade etwas passiert und Fortuna langsam, aber unaufhaltsam wieder dahin zurückkehrt, wo sie nach Meinung ihrer Anhänger ohnehin hingehörte.
Und genau in diese Zeit platzte Der Neue Westen.

Produziert wurde das Ganze von Loggarizm, einem bekannten Düsseldorfer Beatproduzenten und mittlerweile guten Freund von mir. Ich muss allerdings zugeben, dass dieses Album bis heute das einzige Werk dieser Art ist, das ich tatsächlich komplett rauf und runter hören kann, was bei einem echten Kenner der Rap-Musik vermutlich nur ein müdes Kopfschütteln auslösen dürfte. Aber diese Mischung aus Fußball, Düsseldorf und einem geradezu hemmungslosen Lokalpatriotismus traf damals einfach genau den Nerv dieser aufregenden Zeit. Für mich wurde „Eine Heimat, eine Liebe“ dadurch fast so etwas wie der inoffizielle Soundtrack dieser Fortuna-Generation.
Live sah die Sache allerdings etwas anders aus.
Der Neue Westen spielte natürlich regelmäßig bei Fortuna- und Ultra-verwandten Veranstaltungen, beispielsweise bei Saisoneröffnungen der Fortuna, und ich weiß noch ziemlich genau, wie sehr ich mich auf diese Auftritte gefreut habe. Nur wollte dieser Funke bei mir auf der Bühne irgendwie nie so richtig überspringen. Sound und Darbietung ließen mich regelmäßig mit einem kleinen Fragezeichen zurück. Vielleicht lag es an der Größe der Truppe, vielleicht daran, dass bei einer solchen Formation nicht jeder zwangsläufig denselben Fußballbezug haben konnte oder wollte. Vielleicht entwickelte sich daraus irgendwann auch eine gewisse Lustlosigkeit oder Gleichgültigkeit, die man den Auftritten zumindest teilweise ansehen konnte.
Und möglicherweise spielte bei dem einen oder anderen Beteiligten auch die damals nicht ganz unbekannte Düsseldorfer Partykultur eine gewisse Rolle. Aber das ist eine andere Geschichte und soll hier auch nicht weiter bewertet werden.
Viel interessanter ist ohnehin die Frage, die sich irgendwann zwangsläufig stellte: Welcher Musiker möchte eigentlich für eine „Ballermann-CD“ bekannt werden?
Denn genau das war „Eine Heimat, eine Liebe“ überspitzt betrachtet ja durchaus. Mitgröhl-Refrains, Fußballromantik, bengalische Feuer und jede Menge Düsseldorf. Für die Fanszene funktionierte das hervorragend. Aber wenn man als Musiker ernst genommen werden möchte, träumt man vermutlich irgendwann davon, auch außerhalb des Fußballkosmos wahrgenommen zu werden. Man möchte zeigen, dass man mehr kann als einen Song über Fortuna schreiben, bei dem nach dem zweiten Bier die gesamte Kurve den Refrain mitsingen kann.
Und Rap war inzwischen längst dabei, sich von einer Subkultur zu einer ernst genommenen Kunstform zu entwickeln.
Ich kann mir deshalb durchaus vorstellen, dass innerhalb des Neuen Westens irgendwann ziemlich kontrovers darüber diskutiert wurde, wohin die Reise eigentlich gehen sollte. Wollte man weiterhin die Fortuna-Fans mit Musik versorgen oder wollte man beweisen, dass man auch abseits des Fußballs etwas zu sagen hatte?
Der Bonustrack „Bengalisches Feuer“ machte die Sache dabei vermutlich nicht einfacher. Der Song entwickelte sich zum absoluten Publikumsliebling und erreichte auf YouTube schließlich sogar die Millionenmarke. Ausgerechnet also ein Stück, das den Fußballbezug nicht nur nicht versteckte, sondern ihn geradezu demonstrativ vor sich hertrug.
Die Antwort auf die Frage nach der Zukunft war schließlich ein neues Album.
Man arbeitete lange daran und legte offenbar jede Menge Herzblut hinein. Dieses Mal sollte gezeigt werden, dass der Neue Westen mehr konnte als Fußball. 2012 erschien schließlich „Endlich Weltraum“. Videos wurden produziert, Werbung gemacht und die große Hoffnung bestand vermutlich darin, nun auch außerhalb der Fortuna- und Fanszene Aufmerksamkeit zu bekommen.
Und dann passierte genau …
nichts.
Oder zumindest nicht besonders viel.
Der große Erfolg, den man sich vermutlich erhofft hatte, blieb aus. Und damit stellt sich eine interessante Frage: Lag es daran, dass die Fußballszene mit dem neuen Material nicht mehr so viel anfangen konnte? Oder lag es daran, dass die eigentliche Rap-Szene mit dem Neuen Westen nichts anfangen konnte?
Ich bin wahrscheinlich der denkbar schlechteste Mensch, um diese Frage seriös zu beantworten. Zum einen bin ich kein Rap-Experte und zum anderen gilt es zu erwähnen, dass ich in den achtziger Jahren eher mit langen Haaren, Kutte und Heavy beziehungsweise Thrash Metal beschäftigt war. Mein musikalischer Sachverstand in Sachen Rap hält sich also ungefähr auf dem Niveau eines durchschnittlichen Fortuna-Fans, der versucht, eine Taktiktafel zu erklären.
Trotzdem habe ich „Endlich Weltraum“ natürlich gehört.

Dabei begann die Reise durchaus vielversprechend. „Watt Isett?“ hatte für mich noch diesen gewissen Charme und machte durchaus Lust auf mehr. Je länger ich mich allerdings durch das Album hörte, desto weniger konnte ich mit den Songs anfangen. Vielleicht war es tatsächlich der alte Metal-Fan in mir, der irgendwann wieder durchkam. Mir fehlte diese gewisse Rotzigkeit, dieses Gefühl von Straße, Hinterhof und Düsseldorf, das ich mit dem ersten Album verbunden hatte.
Die Refrains waren melodischer, gefälliger und zugänglicher. Handwerklich mag das alles wesentlich erwachsener gewesen sein. Aber genau das war vielleicht mein Problem damit.
Es fühlte sich für mich ein wenig so an, als wollte man ein unliebsames Kapitel endlich hinter sich lassen. Der Fußballbezug sollte weg, jetzt sollte ernsthaft durchgestartet werden. Vielleicht war die Band selbst genau an diesem Punkt angekommen. Vielleicht gab es unterschiedliche Vorstellungen darüber, wohin der Neue Westen eigentlich wollte. Vielleicht interpretiere ich als Außenstehender aber auch viel zu viel in eine Platte hinein.
Am Lagerfeuer mit meinem Schwager und Logga kommt das Thema jedenfalls erstaunlich regelmäßig wieder auf. Und irgendwann landet man unweigerlich bei derselben Frage:
Welches Album ist besser?
Meine Antwort kennt ihr.
Die Antwort der Jungs kenne ich inzwischen auch.
„Endlich Weltraum.“
Na gut. Dann wird es wohl so sein. 😉
Besonders ironisch ist allerdings, dass ausgerechnet der einzige Song auf „Endlich Weltraum“, der wieder einen deutlichen Bezug zur Fanszene hatte, heraussticht: „Bengalisches Feuer 2“. Und auch dieser Song entwickelte sich wieder zu einem der erfolgreichsten Stücke des Projekts. Fast könnte man meinen, Düsseldorf hätte dem Neuen Westen damit sagen wollen:
„Jungs, ihr könnt euch noch so weit ins Weltall schießen, irgendwann landet ihr doch wieder am Flinger Broich.“
Danach wurde es ruhig.
Die Jahre vergingen und irgendwann hörte man kaum noch etwas vom Neuen Westen. War es das gewesen? Ein Album für Fortuna, ein ambitionierter Versuch, sich musikalisch davon zu lösen, und anschließend das Ende?
Natürlich hatte ich bereits im Vorfeld mitbekommen, dass Teile des Neuen Westens an einer neuen EP arbeiteten. Warum, weshalb und wie es dazu kam, ist allerdings eine Geschichte für einen anderen Artikel. Vielleicht erzählen Jesen, BZA oder Logga irgendwann selbst einmal, was damals eigentlich passiert ist und wie es zur neuen EP kam.
Und wie finde ich sie?
Kurz und knapp: grandios.
Nach all den Jahren sind da plötzlich wieder diese vertrauten Stimmen. Künstler, die inzwischen natürlich deutlich älter geworden sind, aber immer noch etwas können. Irgendetwas haben diese fünf Songs, das mich sofort wieder abgeholt hat. Ich kann nicht einmal genau sagen, was es ist. Vielleicht ist es die Stimme. Vielleicht sind es die Beats. Vielleicht ist es schlicht dieses Gefühl, das man manchmal bei Musik hat, wenn sie einen an einen Ort zurückbringt, an dem man längst nicht mehr war.
Und genau das hat „Endlich Weltraum“ bei mir nicht geschafft.
Warum? Keine Ahnung.
Ich befürchte allerdings, dass genau diese Frage beim nächsten Lagerfeuer wieder ausgiebig diskutiert werden wird. 🙂
Was ich mir dabei vor allem wünsche, ist, dass diese fünf Songs nicht die letzten waren, die wir vom Neuen Westen hören. Denn unabhängig davon, welches Album man nun besser findet und ob man mit Rap etwas anfangen kann oder nicht, eines kann man dieser Truppe nicht nehmen: Der Neue Westen ist ein Teil der Düsseldorfer Musikgeschichte geworden.
Und vielleicht sogar ein ziemlich wichtiger.
Denn die Songs laufen noch heute im Stadion, sie laufen auf Auswärtsfahrten und sie tauchen immer wieder irgendwo auf, wenn alte Geschichten erzählt werden. Und ich selbst trage von Zeit zu Zeit noch immer voller Stolz meine Westen-Jacke.
Vielleicht ist das am Ende auch die eigentliche Bedeutung solcher Musik. Nicht jeder Song muss ein Meisterwerk sein, nicht jedes Album muss einen Musikpreis gewinnen und nicht jeder Musiker muss am Ende weltberühmt werden. Manchmal reicht es völlig, wenn ein paar Lieder es schaffen, eine bestimmte Zeit einzufangen und dafür zu sorgen, dass Menschen zwanzig Jahre später beim ersten Takt plötzlich wieder wissen, wie sich diese Zeit angefühlt hat.
„Eine Heimat, eine Liebe“ war für mich der Soundtrack einer Fortuna, die gerade wieder aufstand.
Der Neue Westen hat damit vielleicht nicht die Welt erobert.
Aber Düsseldorf.
Im Westen war damals etwas Neues. Und ein bisschen davon ist bis heute geblieben.
In diesem Sinne: Drehen Sie die Anlage ruhig noch einmal etwas lauter. Die Nachbarn müssen schließlich auch wissen, dass Fortuna immer noch alles ist.
Ihr ergebener
Lord Hadden Langston




