Ein persönlicher Nachruf auf Paul Di’Anno.
Werte Leserschaft, es trug sich an einem verregneten Freitagabend zu. Zumindest glaube ich, dass es regnete. Sicher bin ich mir nicht mehr. Sicher weiß ich nur noch, dass ich an diesem Abend nicht dort war, wo ich unbedingt hätte sein wollen. Es war der 12. September 1980. An diesem Abend spielten Kiss in der Düsseldorfer Philipshalle. Soweit nichts Besonderes. Viel entscheidender war allerdings, wer als Vorband angekündigt war.
Iron Maiden, mit Paul Di’Anno.
Rückblickend betrachtet dürfte das eines der großartigsten Konzertpakete gewesen sein, das jemals in Düsseldorf auf einer Bühne stand. Kiss in Originalbesetzung und Iron Maiden auf Tour, noch bevor die Welt begriff, welche Band dort gerade heranwuchs.
Ich war zwölf Jahre alt.
Und meine Mutter erlaubte mir nicht hinzugehen. Nun wird der geneigte Leser vermutlich einwenden, dass dies aus heutiger Sicht keine völlig unvernünftige Entscheidung gewesen sein dürfte. Welche Mutter schickt ihren zwölfjährigen Sohn an einem Freitagabend allein auf ein Heavy-Metal-Konzert?
Ich habe gebettelt. Ich habe diskutiert. Ich hätte sogar akzeptiert, wenn meine Mutter mitgekommen wäre. Doch spätestens beim Anblick des Plattencovers war jede weitere Diskussion beendet.
Eddie hatte verloren. Meine Mutter ebenfalls.

Für diesen Verfasser bis heute die einzig wahre Iron Maiden Besetzung: Steve Harris, Clive Burr, Paul Di’Anno, Adrian Smith und Dave Murray. Mehr Underground wird Iron Maiden nie wieder klingen.
Fun Fact: Paul Di’Anno war ursprünglich Punk. Vielleicht ist genau das der Grund, warum die ersten beiden Maiden Alben bis heute so anders klingen als alles, was danach kam. Weniger Perfektion, mehr Straße. Weniger Stadion, mehr Pub.
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Nur ich wusste das damals noch nicht. Denn was ich als Zwölfjähriger nicht ahnte: Es sollte die einzige Gelegenheit meines Lebens bleiben, Paul Di’Anno mit Iron Maiden live erleben zu können. Nach der Tour verkündetet die Band den rauswurf von Paul Di’Anno.
Heute, Vierundvierzig Jahre später, am 21. Oktober 2024, starb Paul Di’Anno im Alter von 66 Jahren. Und plötzlich musste ich wieder an diesen Freitagabend denken. An das Konzert, auf dem ich nie gewesen bin. Viel interessanter erscheint diesem Verfasser die Frage, warum ausgerechnet dieser Mann, der gerade einmal auf zwei Iron Maiden Alben zu hören ist, bis heute einen derart gewaltigen Schatten wirft.
Denn während für die meisten Menschen Iron Maiden untrennbar mit Bruce Dickinson verbunden sind, war für mich immer Paul Di’Anno die eigentliche Stimme dieser Band. Nicht, weil Dickinson der schlechtere Sänger gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich gibt es im Heavy Metal kaum einen technisch besseren Frontmann. Aber genau darin liegt für mich der Unterschied.
Bruce Dickinson sang Heavy Metal. Paul Di’Anno lebte ihn.
Wenn ich heute die ersten beiden Maiden-Platten auflege, dann höre ich keine Weltstars. Ich höre fünf junge Kerle aus dem Londoner East End, die wahrscheinlich selbst noch keine Ahnung hatten, dass sie wenige Jahre später Stadien auf der ganzen Welt füllen würden. Diese beiden Alben besitzen etwas, das Iron Maiden später, trotz aller musikalischen Größe, nie wieder vollständig eingefangen haben.
Nach billigen Verstärkern, warmem Bier und Londoner Pubs, in denen am Wochenende dieselben Leute erst West Ham schauten und anschließend zum Konzert gingen.
Genau deshalb liebe ich diese Platten bis heute. Vor allem Killers.

Wenn ich irgendwann einmal gezwungen würde, meine zehn Lieblingsplatten für eine einsame Insel auszuwählen, müsste ich über vieles lange nachdenken. Bei Killers allerdings nicht eine Sekunde. Für mich gehört dieses Album zu den wenigen Schallplatten, bei denen es schlicht keinen Grund gibt, auch nur einen einzigen Titel zu überspringen. Vom ersten Ton von The Ides of March bis zum letzten Ausklang von Drifter wirkt alles wie aus einem Guss. So etwas passiert selbst bei großen Bands vielleicht ein oder zwei Mal im Leben.
Iron Maiden waren damals schließlich noch Teil einer Bewegung, die wir heute unter dem etwas sperrigen Begriff New Wave of British Heavy Metal kennen. Ende der siebziger Jahre schossen überall in England plötzlich Bands aus dem Boden. Saxon, Angel Witch, Diamond Head, Tygers of Pan Tang, Samson oder Praying Mantis. Sie alle verband dieses Gefühl, dass Heavy Metal wieder den Menschen gehören sollte und nicht den Dinosauriern des Hard Rock. Punk hatte gezeigt, dass man keine Virtuosität brauchte, um gute Musik zu machen. Also nahmen junge Arbeiterkinder Gitarren in die Hand und gründeten Bands.
Vielleicht erklärt das auch, warum sich so viele Fußballfans bis heute mit dieser Musik identifizieren. Heavy Metal entstand nicht in Opernhäusern. Er entstand dort, wo auch der englische Fußball seine Seele hatte. In Arbeiterkneipen. Auf Hinterhöfen. Zwischen Fabriken und Reihenhäusern. Paul Di’Anno war bekennender West-Ham-Fan. Steve Harris ebenfalls. Das überrascht eigentlich niemanden. Iron Maiden und West Ham stammen aus derselben Ecke Londons und aus derselben gesellschaftlichen Wirklichkeit. Überhaupt sind die Verbindungen zwischen Heavy Metal und Fußball erstaunlich groß. Nicht nur bei Iron Maiden. Auch in unserer kleinen Welt taucht Eddie bis heute immer wieder auf. Unsere Division West 07 trägt ihn auf T-Shirts und Aufklebern. Und etlich andere Ultra Gruppen benutzen auch den Schriftyp von Maiden für ihre Szene Klamotten.

Als Steve Harris ihn 1981 nach den Aufnahmen zu Killers aus der Band warf, geschah das nicht aus einer Laune heraus. Di’Anno kämpfte damals zunehmend mit Alkohol- und Drogenproblemen, sagte Proben ab und erschien zu Konzerten oft in einem Zustand, der für eine Band mit immer größeren Ambitionen kaum noch tragbar war. Gleichzeitig schwebte Steve Harris ein Sänger vor, der ein größeres musikalisches Spektrum abdecken konnte. Die Entscheidung fiel auf Bruce Dickinson und der Rest ist Musikgeschichte.
Paul selbst hat diese Entlassung nie wirklich verwunden. Über Jahrzehnte herrschte Funkstille zwischen den beiden. Ich glaube, kaum jemand kann wirklich nachvollziehen, was das mit einem Menschen macht. Man gründet gemeinsam eine Band, schläft auf denselben Fußböden, spielt dieselben kleinen Clubs und plötzlich wird aus den alten Freunden die größte Heavy-Metal-Band der Welt. Nur ohne dich. Es gab all die Jahre keine gemeinsamen Auftritte. Kaum Kontakt. Man hätte erwarten können, dass sich zwei Menschen mit einer solchen Vergangenheit irgendwann nur noch Vorwürfe machen würden.
Und dann trafen sie sich Jahrzehnte später doch noch einmal. Paul saß bereits schwer krank im Rollstuhl. Steve Harris setzte sich zu ihm. Man hätte erwarten können, dass nun endlich all das ausgesprochen würde, was sich über vierzig Jahre angesammelt hatte. Die Enttäuschung. Der Schmerz. Die verpassten Chancen.
Stattdessen unterhielten sich zwei alte Jungs aus dem East End über West Ham United.
Irgendwie gefällt mir dieser Gedanke ungemein. Als wäre am Ende nicht Iron Maiden das Wichtigste gewesen. Sondern die gemeinsame Herkunft. Zwei Lads. Ein Fußballverein. Mehr brauchte es offenbar nicht.
Rest in Peace Paul
“Just sixteen, a pickup truck, out of money, out of luck.
I’ve got nowhere to call my own, hit the gas, and here I go.
I’m running free yeah, I’m running free.”
…und ja, ich mache meiner Mutter bis heute den freundschaftlichen Vorwurf, dass sie mich damals nicht auf dieses Konzert gelassen hat. Wahrscheinlich hatte sie sogar recht. Aber das werde ich ihr trotzdem niemals sagen.
In tiefer Trauer, ihr
Lord Hadden Langston



