Ein geographisches Gutachten, oder warum Mönchengladbach beim besten Willen nicht am Rhein liegt.
Werte Leserschaft, diesem Verfasser ist in den vergangenen Jahren immer wieder eine bemerkenswerte Eigenart der deutschen Sportberichterstattung aufgefallen. Kaum treffen der 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach aufeinander, dauert es meist keine zwei Minuten, bis irgendein Fernsehkommentator mit feierlicher Stimme vom großen Rheinderby spricht. Das geschieht mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte bereits Julius Cäsar beim Überschreiten des Flusses festgestellt, dass diese beiden Städte fortan auf ewig in einer besonderen Rivalität verbunden sein würden. Nun möchte sich dieser Verfasser nur ungern mit Menschen anlegen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, neunzig Minuten Fußball zu kommentieren, doch gelegentlich lohnt sich ein Blick auf eine ganz gewöhnliche Landkarte.
Denn dort offenbart sich eine erstaunliche Erkenntnis: Mönchengladbach liegt überhaupt nicht am Rhein.
Natürlich könnte man jetzt großzügig darüber hinwegsehen und behaupten, Geografie sei schließlich nicht alles. Das stimmt vermutlich sogar. Allerdings fällt es diesem Verfasser schwer, einen Wettbewerb nach einem Fluss zu benennen, an dem einer der beiden Teilnehmer schlichtweg gar nicht liegt. Der Rhein fließt nämlich in respektvollem Abstand an Mönchengladbach vorbei und hat bis heute keinerlei Anstalten gemacht, seinen Lauf spontan in Richtung Borussia-Park zu verlegen. Man könnte die Begegnung also ebenso gut als Niederrheinderby bezeichnen, was Borussia Mönchengladbach selbstverständlich keineswegs zu einem kleineren Verein macht. Lediglich zu einem Verein, der eben nicht am Rhein liegt. Geografie kann manchmal unerquicklich präzise sein. Das eigentliche Rheinderby existiert nämlich schon sehr viel länger und spielte sich nie zwischen Köln und Mönchengladbach ab, sondern zwischen zwei Städten, die sich seit Jahrhunderten mit einer bewundernswerten Ausdauer gegenseitig auf die Nerven gehen.
Für alle Leser, die sich den geographischen Sachverhalt noch nicht bildlich vorstellen können,
hier eine vereinfachte Karte des Niederrheins im charmanten Astérix-und-Obelix-Stil. Schon eine einfache Suchanfrage bei einer Künstlichen Intelligenz mit den Worten „Liegt Mönchengladbach am Rhein?“ führt zu einem erstaunlich eindeutigen Ergebnis: „Nein, Mönchengladbach liegt nicht direkt am Rhein. Die Stadt befindet sich linksrheinisch in der Region Mittlerer Niederrhein, etwa 15 bis 20 Kilometer westlich des Rheins.“
„Ja, aber die KI erzählt dir doch sowieso nur das, was du hören willst!“, hallt es nun vermutlich über die Rübenfelder des Niederrheins. Gut, dann bemühen wir eben eine Quelle, die selbst der hartnäckigste Derbyromantiker nur schwer wegdiskutieren kann. Wikipedia beschreibt die Lage Mönchengladbachs wie folgt:
„Mönchengladbach liegt etwa 16 Kilometer westlich des Rheins im Niederrheinischen Tiefland …“Mit anderen Worten: Der Rhein hat mit Mönchengladbach ungefähr so viel zu tun
wie der Kölner Dom mit der Düsseldorfer Altstadt.
Zwischen Düsseldorf und Köln dagegen genügt es oft schon, das falsche Bier zu bestellen.
Denn die Rivalität zwischen Düsseldorf und Köln begann bekanntlich nicht erst mit Fortuna oder dem FC. Sie war längst vorhanden, als der Fußball noch in England steckte und niemand wusste, was ein Abseits überhaupt sein sollte. Man stritt über Handel, über Einfluss, über Politik und irgendwann natürlich auch über die Frage, welche Stadt denn nun die bedeutendere sei. Später kamen neue Themen hinzu. Der Kölner behauptete steif und fest, Kölsch sei Bier. Der Düsseldorfer antwortete darauf mit Alt. Die einen bauten einen Dom, die anderen wurden Landeshauptstadt. Die einen feiern Karneval, als gäbe es kein Morgen, die anderen behaupten bis heute, sie würden das ebenfalls tun, dabei aber deutlich stilvoller aussehen. Selbst unsere Sprache konnte sich nicht einigen. Sprachwissenschaftler sprechen vom berühmten maken-machen-Übergang, jener unsichtbaren Grenze zwischen niederfränkischen und mitteldeutschen Dialekten, die ziemlich genau zwischen Düsseldorf und Köln verläuft. Mit anderen Worten: Selbst unsere Mundarten beschlossen irgendwann, getrennte Wege zu gehen.

Derbytime! Leider findet das einzig wahre Rheinderby viel zu selten statt, was in erster Linie daran liegt, dass unser Verein das Verlieren und den anschließenden Abstieg über Jahrzehnte zu einer bemerkenswerten Kunstform erhoben hat. Vielleicht ist genau das der einzige wirklich nachvollziehbare Grund, warum Köln und Mönchengladbach irgendwann zum „Rheinderby“ erklärt wurden. Wenn der eigentliche Rivale über längere Zeit nicht in derselben Liga spielt, sucht man sich eben einen neuen Derbygegner. Das war bei Fortuna schließlich auch nicht anders. Mal galt der MSV Duisburg als größter Rivale, später Rot-Weiss Essen oder Wuppertal. Fußball lebt eben auch von den Begegnungen, die regelmäßig stattfinden.
Fun Fact: Die Kölner antworteten im Rückspiel ebenfalls mit einer Choreografie, auf der unsere Glücksgöttin Fortuna von ihrem „Wilde Horde Männeken“ niedergestochen wurde. Die Idee war durchaus kreativ. Optisch blieb die Umsetzung allerdings deutlich hinter dem Hinspiel zurück. Und das darf man an dieser Stelle auch einmal anerkennen: Köln kann eigentlich schönere Choreografien.
Foto: Ultras Düsseldorf
Und als wäre das alles noch nicht genug, setzte sich diese freundschaftliche Feindschaft irgendwann auch in der Popkultur fort. Düsseldorf brachte Kraftwerk hervor, später die Toten Hosen und eine Musikszene, die weltweit Maßstäbe setzte. Köln antwortete mit BAP und Wolfgang Niedecken. Beide Städte sind bis heute überzeugt, musikalisch die Nase vorn zu haben. Man kann diese Diskussion übrigens wunderbar bei einem Alt oder Kölsch führen, sofern man genügend Zeit mitgebracht hat und auf einen harmonischen Abend ohnehin keinen besonderen Wert legt.
Sogar im Eishockey verstand jeder sofort, worum es ging. Wenn die Düsseldorfer EG auf die Kölner Haie traf, sprach niemand davon, dass hier zwei nette Nachbarstädte ein sportliches Kräftemessen austrugen. Es war Düsseldorf gegen Köln. Mehr Erklärung brauchte es nicht. Dasselbe gilt bis heute für den Fußball. Wenn Fortuna gegen den FC spielt, geht es eben nicht nur um drei Punkte. Es geht um zwei Städte, die sich seit Generationen liebevoll darüber streiten, wer die schönere Rheinseite, das bessere Bier und den besseren Fußballverein besitzt.
Ein Derby entsteht, wenn zwei Städte seit Jahrhunderten jede Gelegenheit nutzen, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen.
Mönchengladbach hat damit eigentlich herzlich wenig zu tun. Natürlich existiert auch dort eine Rivalität zum 1. FC Köln, schließlich spielten beide Vereine jahrzehntelang auf höchstem Niveau gegeneinander. Aber Rivalität allein macht eben noch kein Rheinderby. Sonst müsste man irgendwann auch Fortuna gegen Schalke als Rhein-Ruhr-Derby verkaufen, weil beide Städte zufällig irgendwo westlich der Weser liegen.

Das war keine Einfallslosigkeit, sondern die eigentliche Botschaft des Tages. Ob sie schließlich auch in allen Scheunen und Rübenfeldern des Niederrheins angekommen ist, vermag dieser Verfasser allerdings nicht zu beurteilen.
Nach sorgfältiger Prüfung sämtlicher historischer, kultureller, sprachwissenschaftlicher und selbstverständlich vollkommen objektiver Beweise kommt dieser Verfasser deshalb zu einem ebenso überraschenden wie unumstößlichen Ergebnis: Das einzig wahre Rheinderby findet zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Köln statt. Alles andere ist eine sehr schöne Fußballrivalität – und ein bemerkenswert hartnäckiger Irrtum der Fernsehkommentatoren. Und sollte sich daran eines Tages doch etwas ändern, müsste zunächst ein geologisches Wunder geschehen und der Rhein seinen Lauf verlegen. Bis dahin bleibt dieses Urteil bestehen.
In diesem Sinne… Ihr ergebener
Lord Hadden Langston





