Auswärtsfahrten und andere Radikalisierungsprozesse oder Wandtattoos des Widerstands.
Werte Leserschaft, es gibt Themen, die begleiten einen über Jahrzehnte. Die Frage, warum Fortuna Düsseldorf grundsätzlich den kompliziertesten aller möglichen Wege wählt, gehört sicherlich dazu. Ebenso die Erkenntnis, dass Menschen in Fußballkurven eine bemerkenswerte Vorliebe für Sätze besitzen, die außerhalb eines Stadions vermutlich für erhebliche Irritationen sorgen würden.
Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wann es begann. Vermutlich irgendwo zwischen Würzburg und Aalen. Vielleicht auch nachts um halb zwei auf einem Rastplatz hinter Kassel. Fest steht lediglich, dass mein guter Freund Moritz und ich über die Jahre eine gewisse Faszination für Ultra-Sprüche entwickelten.
Wir alle kennen diese Sätze.
“Unser Stolz ist unsere Kraft.”
“Wir sind unsterblich wie unser Glaube.”
“Fortuna ist alles.”
Man muss diese Sätze nur laut vorlesen und hat sofort das Bedürfnis, dabei sehr langsam in die Ferne zu blicken, während im Hintergrund eine Trommel gespielt wird.
Besonders „Wir sind unsterblich wie unser Glaube“ hat diesen Verfasser seit Jahren beschäftigt. Er ist gerade so wunderbar überhöht, dass man ihn entweder auf einen Seidenschal druckt (was tatsächlich geschehen ist) oder auf die Eingangstür eines Königreiches schreiben möchte.
Ehrlich gesagt fühlte ich mich dabei allerdings immer ein wenig an die Zeugen Jehovas erinnert. Ich stelle mir bis heute gelegentlich vor, wie es wäre, wenn es samstags morgens an der Tür klingelt und zwei freundliche Herren im Hemd fragen:
“Entschuldigen Sie die Störung. Hätten Sie einen Moment Zeit, um mit uns über die Unsterblichkeit und Fortuna Düsseldorf zu sprechen?”

Überhaupt entwickelte sich dieses Thema über die Jahre zu einer festen Beschäftigung auf endlosen Auswärtsfahrten. Mein Freund und ich verbrachten unzählige Stunden damit, den ultimativen Ultra-Spruch zu erfinden. Die Regel war einfach: Wer formuliert den pathetischsten, martialischsten und gleichzeitig zweifelhaftesten Ultra-Spruch? Irgendwann saßen wir ernsthaft im Bus und diskutierten Dinge wie:
“Der eiserne Kampf ist unsere heilige Pflicht!”
“Unterstützung bis zur bedingungslosen Selbstaufgabe!”
“Unsere Fahnen werden wehen, wenn die Sonne längst erloschen ist!”
Irgendwann steigerten wir uns derart in die Materie hinein, dass man unsere Gespräche vermutlich besser nicht vom Verfassungsschutz hätte protokollieren lassen. 🙂
Groß war die Freude, als uns vor einigen Tagen ein Schriftstück der Proud Generation Duisburg in die Hände fiel. Nun verbindet Düsseldorf und Duisburg bekanntlich eine besondere Beziehung.

An dieser Stelle muss diesem Verfasser widerwillig anerkennend eingestehen: „Unser Glaube ist größer als wir selbst“ ist ein hervorragender Satz. Warum sind wir da eigentlich nie selbst drauf gekommen? 😂
Umso überraschender war die Erkenntnis, dass die Duisburger offenbar seit Jahren exakt dieselben Gedanken hatten wie wir. Dort ist tatsächlich von “möchte-gern-pathetischen” Sprüchen die Rede. Noch schöner ist allerdings die anschließende Beschreibung als „Wandtattoo-Sprüche“.
Wandtattoos!
Seit Tagen bekomme ich dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwo sitzt ein Ultra im Eigenheim in Ratingen-West, trinkt einen Latte Macchiato und blickt verträumt auf den Schriftzug über seiner Couch:
„Unterstützung bis zur bedingungslosen Selbstaufgabe.“
Daneben ein gerahmtes Hochzeitsfoto und ein Teelicht.

Das Beste an der Geschichte ist allerdings, dass die Duisburger uns unbeabsichtigt einen neuen Eintrag für unsere Sammlung geschenkt haben. Denn seien wir ehrlich: „Unser Glaube ist größer als wir selbst“ ist ein hervorragender Spruch. Wahrscheinlich hätte jeder von uns sofort einen Seidenschal damit gekauft.
In diesem Sinne: Bleiben Sie standhaft, Ihr Glaube größer als Sie selbst und Ihr Pathos stets im angemessenen Rahmen.
Ihr ergebener
Lord Hadden Langston




