Die längste Auswärtsfahrt meines Lebens
Werte Leserschaft, es gibt diese Momente im Leben, die einem zunächst vollkommen unscheinbar erscheinen und erst viele Jahre später ihre eigentliche Bedeutung entfalten. Im Sommer 2016 war ich fest davon überzeugt, dass es lediglich um einen Blockwechsel ging. Ein paar Meter weiter rechts im Stadion, andere Aufgänge, ein neues Umfeld und vermutlich ein paar Wochen der Eingewöhnung. Heute, fast ein Jahrzehnt später, weiß ich, dass es nie um einen Blockwechsel ging. Es ging um Abschied. Um das Älterwerden. Und um die Erkenntnis, dass man manche Orte zwar verlassen kann, sie einen selbst aber niemals loslassen.
Damals wurde mit denkbar knapper Mehrheit beschlossen, den selbstverwalteten Block 42 zu verlassen und auf die Südtribüne hinter dem Tor umzuziehen. Ich weiß noch, wie ich an diesem Abend nach Hause fuhr und das Gefühl hatte, dass gerade etwas zu Ende gegangen war, das über viele Jahre ein ganz selbstverständlicher Bestandteil meines Lebens gewesen war. Hinzu kam, dass mit Niko ausgerechnet der Mann die Kurve verließ, dessen Stimme für eine ganze Generation von Fortuna-Fans untrennbar mit Ultras Düsseldorf verbunden war. Er zog sich zurück, verschwand aus der Kurve und war plötzlich einfach nicht mehr da. Soul City existierte natürlich weiter, aber wenn ich heute ehrlich bin, fühlte es sich damals ein wenig so an, als hätte jemand das Licht in einem Raum ausgeschaltet, in dem man sich über viele Jahre ausgesprochen wohlgefühlt hatte.

Fun Fact: Der Block 42 galt als der erste vollständig selbstverwaltete Stehplatzbereich im deutschen Profifußball und wurde weit über Düsseldorf hinaus zu einem festen Begriff in der deutschen Ultraszene.
Foto: Ultras Düsseldorf
Ein paar von uns blieben aus Protest im Block 42. “Nur für ein Jahr”, sagte man sich damals.
Aus einem Jahr wurden neun.
Wenn ich heute darüber nachdenke, erscheint mir das fast absurd. Neun Jahre. Das ist eine verdammt lange Zeit. In neun Jahren werden Kinder erwachsen, Beziehungen beginnen und enden und Fortuna steigt ungefähr eimal auf und zweimal ab.
Der Beginn auf der Südtribüne wirkte auf mich damals jedenfalls alles andere als mitreißend. Vielleicht lag es an meiner eigenen Sturheit. Vielleicht auch daran, dass man bestimmte Dinge irgendwann einfach mit einem Gefühl verbindet und sich weigert, dieses Gefühl loszulassen. Von außen betrachtet sah das alles für mich jedenfalls nicht nach meinem Zuhause aus. 2019 wechselten wir schließlich in den Oberrang, Block 162. Mein Schwager hatte dort seine Dauerkarte und wenn ich ehrlich bin, redete ich mir damals ein, dass es vielleicht einfach an der Zeit wäre, etwas ruhiger zu werden.
Man wird schließlich älter.
Irgendwann muss doch der Zeitpunkt kommen, an dem man sich eingesteht, dass Auswärtsfahrten um fünf Uhr morgens, Fahnen und endlose Diskussionen über Choreografien vielleicht eher etwas für jüngere Menschen sind. Dachte ich zumindest.
Von dort oben wurde die Distanz allerdings eher größer als kleiner. Ich sah die Kurve, hörte die Gesänge und hatte gleichzeitig das Gefühl, irgendwie nicht mehr dazuzugehören. Als würde ich einem Leben zuschauen, das früher einmal meines gewesen war.

Als ich 2019 die Nachricht erhielt, dass ich im darauffolgenden Jahr tatsächlich ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub nehmen durfte, war die Sache für mich ohnehin klar. Der Nord Süd Trail, Deutschlands längster Fernwanderweg mit über 3.700 Kilometern, wartete auf mich und zum ersten Mal seit Jahrzehnten erschien mir der Gedanke, mehrere Monate ohne Fortuna auszukommen, gar nicht mehr so abwegig. Ich hatte sogar einen Plan. In jedem Bundesland wollte ich ein möglichst obskures Fußballspiel besuchen. Irgendwo in Hessen auf einem Ascheplatz stehen, in Bayern irgendeinem Bezirksligisten zuschauen und am Ende behaupten können, dass Fußball und Wandern sich vielleicht doch miteinander vereinbaren lassen.
Wie so oft bei Fortuna und vermutlich auch im restlichen Leben, hatte allerdings niemand die Coronapandemie in die Planung aufgenommen. Plötzlich stand der Fußball still. Die Welt stand still. Während Fortuna vor leeren Rängen in der Bundesliga spielte, lief ich irgendwo zwischen Sylt und den Alpen durch Deutschland und hatte zum ersten Mal seit sehr langer Zeit die Möglichkeit, einfach nur nachzudenken. Fünfeinhalb Monate sind eine verdammt lange Zeit, wenn man jeden Tag acht bis zehn Stunden alleine unterwegs ist. Irgendwann fängt man an, sich Fragen zu stellen, die man im normalen Alltag erfolgreich verdrängen kann. Warum arbeite ich eigentlich fünf Tage die Woche? Warum fühlt sich ein Sonnenaufgang im Pfälzerwald bedeutender an als die meisten Besprechungen im Alltag? Und warum habe ich eigentlich so lange geglaubt, dass man sich zwischen Fußball und dem Rest des Lebens entscheiden muss?

Fun Fact: Das Durchwandern eines Fernwanderweges von Anfang bis Ende nennt man „Thruhiking“. Neben einer gewissen körperlichen Leidensfähigkeit verlangt es einem vor allem eines ab: sehr viel Zeit zum Nachdenken.
Eine Konsequenz dieser Reise war die Entscheidung, meine Arbeitszeit dauerhaft auf vier Tage zu reduzieren. Eine andere war die Erkenntnis, dass es ein Leben außerhalb des Fußballs gibt.
Das Problem war nur: Es gab eben auch eines mit Fußball.
Als die Pandemie irgendwann vorbei war und der normale Spielbetrieb zurückkehrte, saß ich weiterhin Woche für Woche im Oberrang. Manchmal mit meiner Freundin, manchmal mit meinem Schwager. Und immer häufiger alleine. Es kam erstaunlich oft vor, dass ich dort oben saß und mich fragte, warum ich eigentlich noch hier war. Nicht im Stadion. Sondern genau dort oben. Und dann schrieb mir irgendwann Moritz.
“Du warst seit dem Umzug auf die Süd kein einziges Mal bei uns. Komm doch einfach mal runter.”
Es war das Ende der Saison 2024/25. Ich weiß noch, dass ich länger darüber nachdachte, als ich heute zugeben möchte. Kenne ich da überhaupt noch jemanden? Also holte ich mir ein Bändchen und ging in den Block. Und ich hatte keine Ahnung, was dieser Abend mit mir machen würde.
Ich stand nicht irgendwo. Ich stand mitten hinter der Fahne. Dort, wo die City Lads seit jeher stehen. Alte Weggefährten begrüßten mich, als wäre ich erst letzte Woche das letzte Mal dagewesen. Menschen, die ich teilweise seit zwanzig Jahren kenne. Und irgendwann sagte einer diesen Satz:
“Wenn du wieder in unsere Kurve kommst, stehst du genau hier. Hinter unserer Fahne.”
Ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass ich in diesem Moment ein wenig feuchte Augen bekam. Und als der neue Vorsänger, den ich ebenfalls noch aus alten Zeiten kannte, irgendwann ins Mikrofon brüllte:
“UND JETZT ALLE DIE ARME AUF DIE SCHULTERN!” …gab es kein Halten mehr.
Natürlich hatte sich vieles verändert. Wenn ich ehrlich bin, kannte ich wahrscheinlich siebzig Prozent der Menschen im Block nicht mehr. Aber die anderen dreißig Prozent waren geblieben. Älter geworden. So wie ich. Und ich freute mich über jeden Einzelnen. Wenn ich ehrlich bin, war bereits nach dem zweiten Spiel klar, dass ich in der kommenden Saison zurückkehren würde. Die einzige Hürde bestand darin, meiner Freundin zu erklären, warum wir unsere Dauerkarten nun doch wieder ändern sollten. Glücklicherweise ist sie ein bemerkenswert verständnisvoller Mensch.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin in dieser Saison fast jedes Spiel wieder mitgefahren.
Foto: Ultras Düsseldorf
Als ich an diesem Abend die Südtribüne verließ, blieb ich noch einen Moment vor dem Stadion stehen. Düsseldorf war längst dunkel geworden, irgendwo wurden die letzten Biere ausgetrunken und ich ertappte mich bei dem Gedanken, wie merkwürdig das Leben manchmal ist. Neun Jahre lang hatte ich geglaubt, dass ich der Kurve den Rücken gekehrt hätte. Ich hatte mir eingeredet, älter geworden zu sein, vernünftiger vielleicht, und dass es vollkommen normal sei, irgendwann lieber im Oberrang zu sitzen als hinter einer Fahne zu stehen.
Dann kam die Sommerpause. Und die Party zum 25-jährigen Bestehen von Ultras Düsseldorf.
Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass die Toten Hosen an diesem Abend überraschend auftraten und die Halle für mehr als eine Stunde in ihren Grundfesten erschütterten. Aber wenn ihr mich heute fragen würden, was ich von diesem Abend am meisten in Erinnerung behalten habe, dann würde ich euch nicht “Hier kommt Alex” oder “An Tagen wie Diesen” nennen.
Es waren die Menschen. Menschen, die diese Kurve aufgebaut hatten. Menschen, die längst Familie und Kinder haben. Menschen, die man seit zehn oder fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich kam aus dem Grinsen überhaupt nicht mehr heraus. Und in diesem Moment wurde mir endgültig klar, was ich all die Jahre übersehen hatte.
Es war nie die Südtribüne oder der Block 42. Es waren auch nie die Fahnen, die Choreografien oder die Auswärtsfahrten.
Es waren immer die Menschen.
Die Geschichte endete, wie solche Geschichten vermutlich enden müssen. Meine Freundin und ich kauften uns Dauerkarten für die Südtribüne. Ich meldete mich für die erste Auswärtsfahrt seit Jahren nach Bielefeld an.

Ich weiß heute nicht mehr, wie viele Spiele ich in meinem Leben gesehen habe. Ich habe Aufstiege erlebt, Abstiege, Pokalnächte, Geisterspiele und mehr Auswärtsfahrten, als wahrscheinlich gesund gewesen wäre. Es gibt Menschen, die finden im Laufe ihres Lebens ihren Platz in der Welt. Andere haben einfach das Glück, dass dieser Platz neun Jahre lang auf sie wartet.
“You can check out anytime you like, but you can never leave.”
Neun Jahre lang glaubte ich, ich hätte die Kurve verlassen. In Wahrheit hatte sie nur geduldig auf mich gewartet.
Willkommen zurück. Zuhause.
In diesem Sinne: Halten Sie den Menschen, die Ihnen einen Platz hinter ihrer Fahne freihalten, ein Leben lang die Treue.
Ihr ergebener Lord Hadden Langston



