Als Fortuna beinahe zu Hause blieb.
Werte Leserschaft, zu den schönsten Geschichten des Fußballs gehören nicht immer die Stadien, die tatsächlich gebaut wurden. Manchmal sind es gerade jene Orte, die niemals existierten und trotzdem bis heute erstaunlich lebendig geblieben sind. Pläne, Zeichnungen, Architektenmodelle oder vergilbte Zeitungsartikel besitzen eine ganz eigene Magie. Sie erzählen nämlich nicht davon, was war, sondern davon, was hätte sein können.
Der Flinger Broich gehört genau in diese Kategorie.
Wenn man heute vom Paul-Janes-Stadion spricht, denken die meisten Menschen an die Heimspiele der U23, an Jugendturniere oder daran, dass irgendwo hinter der Haupttribüne immer noch erstaunlich viel Fußballgeschichte zwischen Backsteinmauern steckt. Für viele jüngere Fortuna-Fans war der Flinger Broich nie mehr als ein Nebenschauplatz. Für eine ganze Generation war er allerdings Heimat.
Und für eine kurze Zeit bestand sogar die Möglichkeit, dass er es für immer geblieben wäre.


Die Stadt Düsseldorf stellte erst 1930 dem Verein ein Gelände zur Errichtung eines Stadions zur Verfügung. Dort entstand ein Rasenplatz mit Platz für ca. 20.000 Zuschauer. Am 28. September 1930 fand dort das erste Spiel statt; der SSV Oberkassel wurde mit 2:0 geschlagen.
Als Fortuna Anfang der 2000er Jahre bis in die Oberliga abstürzte, war plötzlich vieles denkbar, was einige Jahre zuvor noch völlig absurd geklungen hätte. Die große Arena war weit weg. Das Rheinstadion spielte ohnehin keine Rolle mehr. Gespielt wurde wieder dort, wo Fortuna jahrzehntelang zu Hause gewesen war. Am Flinger Broich. Zwischen Kleingärten, Bahngleisen und Industrie.
Und genau dort entstand plötzlich eine Idee, die heute fast vergessen ist.
Warum eigentlich zurück ins Rheinstadion?
Warum nicht einfach hier bleiben?
Der Zweite Weltkrieg hinterließ am Flinger Broich erstaunlich wenige Spuren. Während das Rheinstadion nach Kriegsende von der britischen Armee beschlagnahmt wurde, kehrte Fortuna gewissermaßen wider Willen an ihre alte Heimat zurück. Plötzlich spielte der Verein wieder dort, wo alles begonnen hatte. Weil der Andrang jedoch immer größer wurde, errichtete man kurzerhand eine zusätzliche Stehtribüne für rund 5.000 Zuschauer. Selbst das reichte kaum aus.

Als Schalke 04 nach Düsseldorf kam, drängten sich unglaubliche 36.000 Menschen in das kleine Stadion am Flinger Broich. Bis heute hält diese Zahl den Zuschauerrekord des Stadions. Wenn man sich das heute vorstellt, fragt man sich unweigerlich, wo diese Menschen eigentlich alle gestanden haben. Vermutlich dort, wo heute jeder Brandschutzbeauftragte augenblicklich Schnappatmung bekäme.
So romantisch diese Jahre aus heutiger Sicht auch erscheinen mögen, der Flinger Broich platzte längst aus allen Nähten. Fortuna wurde zu groß für ihre alte Heimat. 1952 zog der Verein deshalb endgültig ins Rheinstadion um. Was zunächst wie ein logischer Schritt in eine erfolgreiche Zukunft wirkte, bedeutete für den Flinger Broich den langsamen Abschied aus dem Mittelpunkt der Düsseldorfer Fußballwelt.
Das Stadion wurde nur noch selten genutzt und verfiel mit den Jahren zusehends. Als 1958 schließlich auch noch ein schwerer Sturm das Wellblechdach der Tribüne abriss, schien es fast so, als würde selbst das Stadion langsam kapitulieren.
Dabei hatte dieser Ort längst Geschichte geschrieben.
Der Flinger Broich in der Saison 1977/78. Die heutige Haupttribüne stand bereits, daneben schloss sich noch die markante Ecktribüne an, die später verschwinden sollte. Genau diese Bilder lassen die Frage entstehen, die sich dieser Artikel stellt: Was wäre gewesen, wenn man das Stadion damals nicht aufgegeben, sondern konsequent weiterentwickelt hätte?
(Zum Vergrößern anklicken)
Seit 1990 trägt das Stadion den Namen des Düsseldorfer Nationalspielers Paul Janes. Davor kannte es eigentlich jeder einfach als den Fortunaplatz oder noch schlichter als den Flinger Broich. Und ehrlich gesagt muss dieser Verfasser gestehen, dass ihm diese alten Namen bis heute ein klein wenig besser gefallen. Sie klingen weniger nach Denkmal und viel mehr nach Fußball.
Und dann tauchten plötzlich Pläne auf. Architektenmodelle. Visualisierungen eines modernen Fußballstadions, das sich erstaunlich selbstverständlich zwischen den alten Backsteinbauten von Flingern eingefügt hätte. Keine Multifunktionsarena. Kein Einkaufszentrum mit angeschlossenem Fußballplatz. Sondern einfach ein richtiges Stadion.
Fotos eines nie verwirklichten Stadionmodells aus dem März 2005. Wer diese Pläne damals in Auftrag gegeben hat und wie weit die Ausbauüberlegungen tatsächlich gediehen waren, lässt sich heute kaum noch nachvollziehen. Geblieben sind lediglich diese wenigen Aufnahmen – stille Zeugen eines Projekts, das den Flinger Broich vielleicht für immer verändert hätte.
(Zum Vergrößern anklicken) , Fotos: Altstars

Wahrscheinlich hätte Fortuna dort niemals vor 50.000 Zuschauern gespielt. Internationale Konzerte wären anderswo gelaufen und die Logen wären den Ansprüchen des modernen Fußballs vermutlich nie gerecht geworden. Aber vielleicht wäre genau das der größte Vorteil gewesen.
Vielleicht hätten wir heute eines der schönsten reinen Fußballstadien Deutschlands. Einen Ort, an dem Fußball wichtiger geblieben wäre als Eventgastronomie. Einen Ort, den man nicht wegen seiner Größe besucht hätte, sondern wegen seiner Atmosphäre.
Niemand wird diese Frage jemals beantworten können. Aber jedes Mal, wenn ich diese alten Entwürfe betrachte, ertappe ich mich dabei, wie ich gedanklich durch ein Stadion laufe, das niemals gebaut wurde und sich trotzdem irgendwie wie Zuhause anfühlt.
In diesem Sinne: Halten Sie die Fahne hoch und den Schiedsrichter für blind.
Ihr ergebener Lord Hadden Langston











