Aufnäher, Fußballkultur und die unbequeme Frage nach unserer Vergangenheit
Werte Leserschaft, es gibt Themen, bei denen man als Chronist der Kurve irgendwann an einen Punkt kommt, an dem man sich entscheiden muss, ob man die Vergangenheit lieber romantisch verklärt oder sich auch mit den Dingen beschäftigt, die einem heute unangenehm sind. Dieser Artikel gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Denn wer sich heute alte Fotos von Fußballfans aus den achtziger Jahren anschaut, entdeckt neben längst vergessenen Trikots, Frisuren und erstaunlich fragwürdigen Schnurrbärten auch eine Form der Fankultur, die aus heutiger Sicht teilweise nur schwer zu verstehen ist. Wer in den siebziger und achtziger Jahren regelmäßig ins Stadion ging, kam an ihnen eigentlich kaum vorbei. Die Kuttenkultur der siebziger Jahre hatte den Grundstein gelegt. Damals wurden Jeanswesten mit Vereinswappen, Schals und allen möglichen Aufnähern verziert, sodass man schon von weitem erkennen konnte, welchem Verein jemand die Treue hielt und zu welcher Gruppe er sich zugehörig fühlte. In den achtziger Jahren wanderte diese Kultur zunehmend auf die Fußballtrikots. Die Verkaufsstände vor den Stadien boten eine erstaunliche Auswahl an Aufnähern an, wobei sich viele Motive eigentlich nur durch Vereinsfarben und Wappen unterschieden. Das gleiche Motiv gab es für Düsseldorf, Schalke, Köln, Dortmund oder irgendeinen anderen Verein und vermutlich hätte man es auch für einen Fußballklub auf dem Mond bekommen, wenn dort jemand bereit gewesen wäre, fünf Mark dafür zu bezahlen.

Robert (Mitte) und Markus (rechts), beide bis heute bei Soul City aktiv, zusammen mit Leuten vom Fortuna-Fanclub „Schwitzen“ um etwa 1989. Auf den Trikots sind bereits einige der Aufnäher zu erkennen, über die dieser Artikel spricht und die aus heutiger Sicht zweifellos Fragen aufwerfen. Das Bemerkenswerte daran: Beide hatten und haben mit rechter Ideologie nicht das Geringste zu tun, nicht einmal ansatzweise. Und genau deshalb ist dieses Foto für mich so interessant.
Was war damals eigentlich los? Wie konnte es passieren, dass solche Aufnäher auf den Trikots von Leuten landeten, die mit der dahinterstehenden Ideologie überhaupt nichts anfangen konnten?
Ein Teil dieser Aufnäher war vollkommen harmlos. Vereinswappen, Fußballmotive, Sprüche über Bier, Musik oder die eigene Kurve. Dann gab es allerdings auch Motive, bei denen einem heute ziemlich schnell das Lachen vergeht. Darunter befanden sich eindeutig rechtsextreme und nationalsozialistische Symbolik, entsprechende Bildsprache und Sprüche, die aus heutiger Sicht völlig unmissverständlich in diese Richtung einzuordnen sind.
Und irgendwann stellt sich die Frage:
Waren wir damals wirklich alle so scheiße?
Die kurze Antwort lautet: Nein.
Die ehrliche Antwort ist allerdings etwas komplizierter.
Natürlich gab es in den Fußballstadien der achtziger Jahre überzeugte Rechte und Neonazis. Das wäre unsinnig zu leugnen. Rechtsextreme Gruppen bewegten sich in der Fanszene, es gab rassistische Sprüche und Gewalt und teilweise ganz konkrete politische Überschneidungen. Fußball war keineswegs ein politikfreier Raum und schon gar kein Ort, an dem jeder Besucher völlig unbedarft mit irgendwelchen Symbolen herumlief. Aber daraus lässt sich eben nicht automatisch ableiten, dass jeder junge Fußballfan, der einen zweifelhaften Aufnäher auf seinem Trikot trug, deshalb ein überzeugter Nazi gewesen sein muss.
Und genau hier wird die Betrachtung der damaligen Zeit interessant.
Denn die Fußballkultur der achtziger Jahre funktionierte in vielen Bereichen nach einer völlig anderen Logik als heute. Fußballfans galten in der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin nicht gerade als gesellschaftliche Vorzeigegruppe. Wer regelmäßig ins Stadion ging, war für viele Menschen ein Prolet, ein Randalierer oder schlicht ein Asozialer. Familienfreundliche Fußballarenen, in denen der Verein am liebsten ganze Familien zum gemeinsamen Erlebniswochenende begrüßen möchte, waren noch nicht einmal eine Idee am Horizont. Frauen und Kinder waren in vielen Kurven eher die Ausnahme und die Atmosphäre war entsprechend männlich geprägt.
Man wollte auffallen. Man wollte provozieren. Und man wollte vor allem eines nicht sein: angepasst.
Das erklärt natürlich nicht alles und entschuldigt schon gar nichts, aber es hilft vielleicht dabei zu verstehen, warum bestimmte Symbole damals eine andere Funktion haben konnten als heute. Ein junger Fußballfan konnte sich einen Aufnäher auf das Trikot nähen, weil er ihn möglichst hart, gefährlich oder provokant fand, ohne sich deshalb jemals ernsthaft mit der politischen Ideologie auseinanderzusetzen, aus der die Symbolik ursprünglich stammte.

Interessant ist dabei, dass diese Form der Symbolik keineswegs ausschließlich ein Fußballphänomen war. Auch in anderen Subkulturen wurde mit provokanten, martialischen oder historisch belasteten Symbolen gespielt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Rock- und Metalszene, in der Musiker und Fans teilweise bewusst mit einer Ästhetik arbeiteten, die schockieren oder provozieren sollte. Lemmy von Motörhead ist nur eines der bekannteren Beispiele dafür, wie eine bewusst provozierende Bildsprache Teil einer Subkultur werden konnte, ohne dass sich daraus automatisch eine politische Weltanschauung ableiten lässt.
Auch das macht die Sache allerdings nicht harmlos.
Provokation funktioniert schließlich nur deshalb, weil man weiß, womit man provoziert.
Vielleicht liegt genau darin einer der Gründe, warum solche Aufnäher im Fußball überhaupt funktionieren konnten. Sie passten in eine Zeit, in der Härte, Männlichkeit und Abgrenzung einen erheblichen Teil der Fankultur ausmachten. Wer mit einer Bomberjacke und einem möglichst martialischen Aufnäher vor dem Stadion stand, wollte nicht unbedingt ein politisches Manifest abgeben. Manchmal wollte er schlicht zeigen, dass man mit ihm besser keinen Ärger anfangen sollte.
Ob das besonders intelligent war, darf jeder selbst entscheiden.
Anderer Verein, selbe Scheiße !
Ich jedenfalls finde es heute eher bemerkenswert, wie wenig damals über die Bedeutung mancher Symbole gesprochen wurde.
Und genau deshalb finde ich den Blick auf andere Vereine interessant.
Selbst beim FC St. Pauli, dessen Fanszene heute weltweit als Sinnbild einer dezidiert linken Fußballkultur gilt, waren solche Aufnäher in früheren Jahrzehnten offenbar ebenfalls erhältlich. Ein Freund aus dem Umfeld von USP hat mir gegenüber bestätigt, dass dies tatsächlich so war, bevor der Verein später konsequent damit aufräumte. St. Pauli wurde damit zu einem der ersten Vereine in Deutschland, die diese Entwicklung innerhalb ihres Umfelds ernsthaft angegangen sind.
Rechts ein seltener bildlicher Beweis dafür, dass selbst beim FC St. Pauli diese generischen, austauschbaren Aufnäher zu finden waren. Heute sind solche Exemplare im Netz zum Glück nur noch schwer aufzutreiben. Nicht nur, weil sie aus heutiger Sicht ziemlich peinlich wirken, sondern auch, weil ein solcher Aufnäher zwangsläufig Fragen aufwirft.
Das Bild in der Mitte zeigt gleichzeitig sehr schön die damalige Naivität. Auf der einen Seite prangt ein Aufnäher mit einer eindeutigen Botschaft gegen Rechts, während auf derselben Kutte einige der üblichen Verdächtigen zu finden sind. Offenbar wurde damals nicht unbedingt hinterfragt, welche Geschichte oder Symbolik man sich da eigentlich auf die Jacke nähte. Es war ein Sammelsurium aus Vereinswappen, Freundschaftszeichen, Provokation und irgendwelchen Sprüchen, die man beim Verkaufsstand vor dem Stadion eben kaufen konnte.
Es wäre viel zu einfach, die Vergangenheit mit dem Wissen von heute zu beurteilen und sich anschließend selbst auf die moralisch richtige Seite zu stellen. Das ist eine ziemlich angenehme Position, weil man dabei nicht mehr über die eigene Geschichte nachdenken muss. Man kann mit dem Finger auf die Menschen von damals zeigen und sich einreden, dass man selbst selbstverständlich alles besser gemacht hätte.
Ob das wirklich so wäre, sei einmal dahingestellt.
Genauso falsch wäre es allerdings, jetzt die große Nostalgiekeule auszupacken und zu behaupten, das sei eben früher so gewesen und man dürfe das alles nicht so ernst nehmen. Doch. Man darf es ernst nehmen. Gerade weil es Teil unserer Geschichte ist. Wir waren junge Fußballfans in einer anderen Zeit, mit einer anderen Sprache, einer anderen Ästhetik und teilweise einem ziemlich eigenartigen Verständnis davon, was cool, hart oder provokant sein sollte. Einige Dinge davon kann man heute mit einem Lächeln betrachten. Andere sollte man kritisch hinterfragen. Und manches darf man auch einfach als das erkennen, was es war: falsch.
In diesem Sinne: Bewahren wir die alten Bilder. Gerade die unbequemen. Denn eine Geschichte, die nur aus den schönen Erinnerungen besteht, ist meistens keine Geschichte, sondern eine Legende.
Ihr ergebener
Lord Hadden Langston










Verrückte Zeit, das man solche Aufnäher einfach so am Stadion kaufen könnte, heute unvorstellbar. Schön das eure Seite wieder online ist, mir haben eure Fotos über das alte Düsseldorf immer gut gefallen, aber da fehlen noch einige, oder? Ich meine mich erinnern zu können das auf der alten Seite mehr waren. Weite so und 95 Ole.
Sehr interessant! Hervorragender Artikel!