Warum manche Stimmen niemals wirklich verstummen
Werte Leserschaft, es gibt Nachrichten, bei denen man zunächst einmal hofft, sich verlesen zu haben. Nicht, weil man glaubt, dass die Zeit für bestimmte Menschen irgendwann stehen bleiben müsste, sondern weil man sie gedanklich einfach nicht in die Kategorie „Vergangenheit“ einsortieren möchte. Conrad „Cronos“ Lant, Sänger und Bassist von Venom, ist am 1. Oktober 2026 im Alter von 63 Jahren verstorben. Und während sich die Musikwelt nun mit Nachrufen, Würdigungen und den üblichen Diskussionen über musikalische Vermächtnisse beschäftigt, ertappe ich mich dabei, wie ich gedanklich wieder in den Achtzigern lande. In einer Zeit, in der die Welt noch ein bisschen überschaubarer war, die Haare deutlich länger und die Musik vor allem eines sein musste: laut, dreckig und möglichst geeignet, den Nachbarn den Glauben an die menschliche Zivilisation zu nehmen.

Ich war damals ein Metalhead. Nicht so ein bisschen, bei dem man sich am Wochenende ein schwarzes T-Shirt überwirft und montags wieder in die gesellschaftliche Normalität zurückkehrt, sondern einer von der Sorte, bei der die Frisur, die Plattensammlung und die allgemeine Erscheinung durchaus Anlass zu familiären Krisengesprächen boten. Ich spielte selbst in einer Thrash-Metal-Band, und wenn ich heute zurückblicke, war Musik für uns nicht einfach nur ein Hobby. Sie war eine Haltung, ein Lebensgefühl und gelegentlich auch eine ziemlich zuverlässige Methode, die eigene Umwelt auf Abstand zu halten.
In dieser Zeit waren Venom für mich eine Offenbarung. Die Platten Welcome to Hell und Black Metal gehörten neben Bands wie Discharge und GBH zu jenen Platten, die für mich den Weg in eine neue musikalische Welt öffneten. Das war keine Musik, die um Erlaubnis fragte. Venom klangen, als hätte jemand den klassischen Heavy Metal in einen rostigen Fleischwolf gesteckt und anschließend beschlossen, dass das Ergebnis noch nicht böse genug sei.
Wer hat den Black Metal erfunden?
Eine Frage, die in der heutigen Metalwelt offenbar noch immer für angeregte Diskussionen sorgt, lautet, ob nun Venom oder Bathory als eigentliche Erfinder des Black Metal gelten dürfen. Natürlich gibt es dafür musikalische, historische und stilistische Argumente, und selbstverständlich kann man darüber vortrefflich streiten, bis die erste Flasche Bier geleert und die letzte Fußnote aus irgendeinem obskuren Fanzine zitiert wurde.
Ich möchte mich an dieser Stelle allerdings nicht an einer wissenschaftlichen Abhandlung über die Geburtsstunde eines Musikgenres versuchen. Dafür fehlt mir vermutlich sowohl die notwendige akademische Ernsthaftigkeit als auch die Bereitschaft, meine Jugend nachträglich von irgendwelchen Menschen erklären zu lassen, die damals vielleicht noch mit Playmobil gespielt haben.
Ich kann nur sagen: Wer hier nicht Venom nennt, war früher nicht dabei.

Denn für mich war es nicht allein die musikalische Ausrichtung, sondern das Gesamtpaket. Die rohe Produktion, die Geschwindigkeit, die Texte, die düstere Ästhetik und diese herrlich unverschämte Mischung aus Punk-Attitüde und Heavy Metal. Venom waren nicht einfach eine weitere Band, die ein bisschen härter spielen wollte. Sie waren ein musikalischer Mittelfinger in Richtung all jener, die glaubten, Heavy Metal müsse sich an irgendwelche Grenzen halten.

Rechts: Ich besitze übrigens noch immer das originale Venom-Shirt aus den Achtzigern. Ein Kleidungsstück, das vermutlich mehr Konzerte, verrauchte Kneipen und fragwürdige Entscheidungen erlebt hat als so mancher seiner damaligen Besitzer. Es hat die Jahrzehnte überstanden, während sich meine Haarlänge, mein Musikgeschmack und meine Vorstellung davon, was man am nächsten Morgen unbedingt noch erledigen sollte, doch ein wenig verändert haben.
Am kommenden Wochenende werde ich dieses Shirt wieder aus dem Schrank holen. Beim Konzert und der Filmpremiere der Düsseldorfer Death Thrasher (DDT), soll es noch einmal zum Einsatz kommen.
Und ich finde, das ist eine durchaus angemessene Gelegenheit. Nicht, weil ein altes T-Shirt irgendeinen Musiker zurückbringen könnte, sondern weil es manchmal die kleinen Dinge sind, mit denen man sich an Menschen und Musik erinnert. Ein Plattencover, ein abgewetztes Shirt, ein Riff, das man nach vierzig Jahren noch immer aus dem Stand mitsingen kann.
Vielleicht werde ich dort zwischen all den anderen alten und jungen Metalheads stehen und feststellen, dass sich zwar vieles verändert hat, aber eben nicht alles. Die Musik ist noch da. Die Erinnerungen sind noch da.
Wenn man heute über Venom spricht, fallen schnell Begriffe wie Wegbereiter, Pioniere oder Gründerväter des Extreme Metal. Das ist alles richtig, klingt aber manchmal ein wenig nach einer Preisverleihung, bei der anschließend noch ein Buffet eröffnet wird. Für mich bleibt vor allem die Erinnerung an eine Band, die in einer Zeit, in der ich selbst als Musiker durch die Gegend zog, eine enorme Bedeutung hatte.
Vielleicht ist das auch die schönste Form von Unsterblichkeit, die einem Musiker bleiben kann: Dass Jahrzehnte später irgendwo ein alter Metalhead ein längst eingetragenes Shirt aus dem Schrank holt, eine Platte auflegt und für einen Moment wieder der langhaarige Junge von damals ist.
In diesem Sinne: Rest in Peace, Cronos. Danke für die Musik, die Erinnerungen und den Lärm.
Ihr ergebener
Lord Hadden Langston




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