Werte Leserschaft, im Jahr 2014 war es wieder einmal an der Zeit, der Insel einen Besuch abzustatten. Wer einige Tage in England verbringt und kein Fußballspiel besucht, hat vermutlich den falschen Reisepass eingepackt. Die eigentliche Frage lautete also nicht ob, sondern wohin. Die Premier League schied schnell aus. Zu geschniegelt, zu teuer, zu weit entfernt von dem, was uns an Fußball interessiert. Wenn schon England, dann richtig. Zweite oder dritte Liga. Beton statt Hochglanz. Pubs statt VIP-Lounges.
Einige Fortuna-Fans pilgern seit Jahren regelmäßig zur Portman Road nach Ipswich. Für uns kam jedoch nur ein Ziel infrage: Millwall.
Die Tage sollten ohnehin in London verbracht werden und die Verbindung zwischen Fortuna und Millwall ist schließlich älter als so mancher heutige Stadionbesucher. Also wurden ein paar Informationen eingeholt, Kontakte aktiviert und die Reiseplanung abgeschlossen. Vor dem Spiel gegen Blackpool führte uns der Weg zunächst in die deutsche Kneipe „Zeitgeist“ in Lambeth. Nicht etwa, weil wir nach wenigen Tagen Sehnsucht nach deutscher Küche verspürt hätten. Nun gut. Vielleicht ein wenig nach Altbier.
Dort lief jedenfalls Fortuna gegen Aue live über den Bildschirm. Nach einigen Flaschen Schlösser und einem ungefährdeten 3:0-Sieg unserer Forteng ging es weiter Richtung Bermondsey.
Dort steht The Den.

Fun Fact: 59 Heimspiele ohne Niederlage (22. August 1964 bis 14. Januar 1967) – englischer Rekord.
Schon die Anfahrt fühlte sich richtig an. Ein wenig rau, ein wenig heruntergekommen und vollkommen frei von Eventcharakter. Im Hintergrund eine Müllverbrennungsanlage. Für einen kurzen Moment fühlte man sich beinahe wie zuhause in Flingern. Die Eintrittskarten kosteten 26 Pfund. Gemessen an der Nähe zum Spielfeld ein fairer Preis. Heute würde man für ähnliche Plätze vermutlich eine kleine Hypothek aufnehmen müssen. Über die Atmosphäre in englischen Stadien wird viel geschrieben. Meistens von Menschen, die entweder nie dort waren oder die acht Stunden Premier-League-Zusammenfassungen pro Woche konsumieren. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
Natürlich fehlte die Intensität einer deutschen Ultrakurve. Zweihundert deutsche Ultras hätten das Stadion wahrscheinlich problemlos übertönt. Aber England funktioniert anders. Oldschool eben.
Es wird weniger gesungen, dafür länger. Die Lieder erzählen Geschichten. Ganze Strophen. Nicht selten hat ein einzelner Song mehr Text als das durchschnittliche Repertoire mancher deutscher Kurve.Und plötzlich merkt man, dass Fußball auch ohne Dauerbeschallung funktionieren kann.
Nach zwanzig Minuten beginnt man zwar das gewohnte Chaos aus Gesang, Trommel und Megafon ein wenig zu vermissen. Gleichzeitig genießt man die ungewohnte Ruhe.
Millwall gewann das Spiel mit 2:1. Einer der wenigen Lichtblicke einer Saison, die den Verein tief in den Abstiegskampf führte. Was allerdings wirklich überraschte: Zehn Minuten nach Abpfiff war das Stadion nahezu leer. Als hätte jemand den Feueralarm ausgelöst.
Ein weiteres Highlight der Reise wartete einige Tage später in Shepherd’s Bush.
Wer den Film Quadrophenia kennt, erinnert sich vielleicht an die legendäre Szene, in der Jimmy eine seltsame grüne Soße über sein Essen kippt. Nach kurzer Recherche fanden wir heraus, dass es den entsprechenden Laden tatsächlich noch gibt. Also machten wir uns auf den Weg zu A. Cookes Pie & Mash Shop.
Dort gab es „Pie & Mash with Liquor“. Eine Rindfleischpastete mit Kartoffelbrei und Kräutersoße. Dazu reichlich Essig. Es war nicht nur das beste Essen der gesamten Reise. Es war vermutlich das beste Essen, das ich jemals in England gegessen habe. Für vier Pfund. Manchmal sind die einfachen Dinge eben die besten.

Fun Fact: Der Film „Quadrophenia“ gilt als authentisches Generationenporträt ohne beschönigenden Glamour und löste Ende der 1970er-Jahre eine weltweite Mod-Revival-Welle aus.
Da wir ohnehin schon auf den Spuren von Jimmy unterwegs waren, durfte natürlich auch Brighton nicht fehlen. Dort, wo Mods und Rocker in die Popkultur eingingen und wo bis heute ein Hauch dieser Geschichte in den Straßen und Gassen zu spüren ist.
Selbstverständlich wurde auch Jimmys Gasse besucht. Und selbstverständlich wurden dort Fotos gemacht. Man hat schließlich einen Ruf zu verlieren.

Fun Fact: Die Gasse war früher als East Street bekannt, bevor sie nach der Veröffentlichung des Films aufgrund ihrer Entwicklung zu einer Touristenattraktion in „Quadrophenia Alley“ umbenannt wurde.
Fazit
England bleibt für Fußballfans ein faszinierender Widerspruch.
Einerseits zeigt kaum ein anderes Land so deutlich, welche Folgen die vollständige Kommerzialisierung unseres Sports haben kann. Andererseits findet man dort noch immer Orte, Vereine und Menschen, die den Geist des alten Fußballs bewahrt haben.
Wer Fußball liebt, sollte die Insel mindestens einmal besucht haben.
Als Mahnung. Als Inspiration.
Und vielleicht auch für eine verdammt gute Fleischpastete.
In steter Ergebenheit,
Lord Hadden Langston






















