Wie wir das Unmögliche wieder einmal möglich machten.
Werte Leserschaft, dieser Verfasser hat im Laufe der vergangenen dreißig Jahre eine bemerkenswerte Eigenschaft unseres Fußballvereins beobachtet. Andere Vereine gewinnen Meisterschaften, holen Pokale oder spielen regelmäßig international. Fortuna Düsseldorf dagegen hat sich auf etwas spezialisiert, das mindestens genauso einzigartig ist. Wir haben das Verlieren perfektioniert und zu einer Kunstform erhoben. Nein, eigentlich trifft selbst das den Sachverhalt noch nicht ganz. Verlieren kann schließlich jeder. Fortuna hingegen hat über Jahrzehnte hinweg eine beinahe wissenschaftliche Präzision entwickelt, aus aussichtslosen Situationen Wunder und aus aussichtsreichen Situationen Katastrophen zu machen. Wenn es einen Preis für die spektakulärste Art des Scheiterns gäbe, müsste man im Vereinsmuseum längst einen eigenen Anbau errichten.
Wer Fortuna über einen längeren Zeitraum begleitet, entwickelt deshalb irgendwann ein merkwürdiges Verhältnis zum Begriff Hoffnung. Natürlich hofft man vor jedem Spiel. Man fährt ja nicht hunderte Kilometer quer durch Deutschland, um sich schon morgens auf die Niederlage zu freuen. Gleichzeitig sitzt irgendwo tief im Hinterkopf immer diese leise Stimme, die einem zuflüstert, dass Fortuna wahrscheinlich wieder einen Weg finden wird, den sich vorher niemand hätte ausdenken können. Und das Erschreckende daran ist: Meistens behält diese Stimme recht.

Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, wie eine Saison enden kann, entscheidet sich Fortuna grundsätzlich für die schmerzhafteste.
Vermutlich hat selbst der Mensch, der diese Grafik entworfen hat, gedacht: Das ist rein theoretisch. So etwas passiert doch nicht.
Nun. Es passierte natürlich genau so. Denn Fortuna wäre nicht Fortuna, wenn sie sich ausgerechnet für den wahrscheinlichsten Ausgang entscheiden würde. Ich war an diesem Nachmittag selbstverständlich in Fürth. Schon Stunden vor dem Anpfiff lag über diesem Spieltag eine eigentümliche Stimmung. Niemand wusste so recht, ob man optimistisch sein sollte oder lieber vorsorglich schon einmal den Galgenhumor auspackte. Eigentlich war die sportliche Ausgangslage nach dem überzeugenden letzten Heimsieg gegen Elversberg gar nicht so schlecht, aber Fortuna macht nun einmal Fortuna-Dinge. Und die sind nur selten positiver Natur. Schon nach 36 Minuten hat Fürth die erforderlichen drei Tore geschossen. Humorlos. Trocken. Und als wäre das alles noch nicht genug, steuerten wir selbstverständlich auch noch ein Eigentor bei.

Foto: Ultras Düsseldorf
Das wirklich Erstaunliche ist ja, dass wir das alles schon einmal erlebt haben. Der Absturz Anfang der 2000er Jahre, als aus einem ehemaligen Pokalsieger plötzlich ein Oberligist (4 Liga) wurde. Damals fuhren wir sonntags nicht mehr nach Hamburg oder München, sondern nach Velbert, Wuppertal oder Freialdenhoven. Ehrlich gesagt hatte selbst das irgendwann seinen Charme. Fortuna besitzt nämlich diese bemerkenswerte Fähigkeit, ihre Anhänger selbst in den größten Katastrophen noch irgendwie bei der Stange zu halten.
Oder Berlin. Dieser völlig absurde Aufstieg gegen Hertha, bei dem erst Zuschauer den Platz stürmten, anschließend minutenlang niemand wusste, ob überhaupt weitergespielt wird, und am Ende trotzdem Bundesliga gefeiert werden durfte. Selbst wenn Fortuna Erfolg hat, geschieht das niemals auf normalem Weg. Bei uns muss grundsätzlich erst das komplette Drehbuch eskalieren.
Man denke nur an Bochum. Eine Relegation, die praktisch entschieden schien. Drei Tore Vorsprung. Heimspiel. Euphorie. Ganz Düsseldorf bereit für die Bundesliga. Was anschließend geschah, gehört inzwischen längst zum kollektiven Trauma dieses Vereins. Andere Fans erzählen ihren Enkeln von Meisterschaften. Wir erzählen von Bochum.
Manchmal fragt sich dieser Verfasser allerdings, ob Fortuna-Fans vielleicht in einer Zeitschleife gefangen sind.
Es fühlt sich ein wenig an wie in Täglich grüßt das Murmeltier. Man wacht auf, schöpft neue Hoffnung und glaubt, diesmal werde alles anders. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob wir überhaupt noch einen freien Willen besitzen oder ob irgendwo tief unter dem Rheinstadion ein uralter Fluch verborgen liegt, der alle zehn Jahre zuverlässig ausgelöst wird.
Der Abstieg in die Dritte Liga fühlt sich diesmal trotzdem anders an. Vielleicht, weil jeder weiß, welche Folgen er haben wird. Viele Spieler besitzen gar keinen Vertrag für diese Liga und können den Verein nun ablösefrei verlassen. Finanziell beginnt vieles wieder bei Null und sportlich wartet eine Liga, aus der manche Traditionsvereine jahrelang nicht mehr herausgefunden haben. Die Dritte Liga ist romantisch, wenn man von außen auf sie schaut. Befindet man sich selbst darin, verliert diese Romantik erstaunlich schnell ihren Reiz.

Foto von Dominik Lückmann auf Unsplash
Fortuna hat aus dem Verlieren eine Kunstform gemacht. Andere Vereine steigen ab. Wir schreiben dabei Fußballgeschichte.
Fortuna steigt gerade in die Dritte Liga ab und fast zeitgleich verabschiedet sich die Düsseldorfer EG aus der Deutschen Eishockey Liga. Zwei Traditionsvereine, zwei Abstiege innerhalb weniger Wochen. Irgendwann fragt man sich unweigerlich, ob über dieser Stadt sportlich vielleicht ein Fluch liegt. Vielleicht sollte man den Jan-Wellem vorsichtshalber einmal gegen den Uhrzeigersinn drehen oder das Toni Turek Denkmal am Rheinstadion mit Weihwasser übergießen. Schlechter kann es anschließend schließlich kaum noch werden.
Während andere Großstädte ganz selbstverständlich Erstligafußball und Spitzeneishockey bieten, gelingt es Düsseldorf mit bemerkenswerter Konstanz, sich selbst im Weg zu stehen. Vielleicht gehört genau das inzwischen sogar zu unserer Identität.
Fun Fact:
Murphys Law besagt: Alles, was schiefgehen kann, wird irgendwann auch schiefgehen.
Fortuna Düsseldorf hat dieses Prinzip über Jahrzehnte weiterentwickelt: Geht nur eine einzige Kombination von Ergebnissen schief, tritt selbstverständlich genau diese ein. Das nennen Wissenschaftler inzwischen Murphys Fortuna. 😉
Vielleicht besteht der Fluch von Fortuna gar nicht darin, ständig abzusteigen. Er besteht darin, dass wir trotz allem immer wieder glauben, diesmal würde es anders ausgehen.
Vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses verrückten Klubs.
Oder seine größte Grausamkeit.
In diesem Sinne: Behalten Sie Ihre Handschuhe an und Ihre Augen offen, Ihr ergebener
Lord Hadden Langston




