Werte Leserschaft, es gibt Spiele, die vergisst man nie. Das erste Spiel mit dem Vater. Der erste Aufstieg. Das erste Derby. Das erste Auswärtsspiel, bei dem man feststellt, dass es offenbar möglich ist, 700 Kilometer in einem Bus zu verbringen, ohne ein einziges vernünftiges Gespräch zu führen.
Oder jenes Spiel gegen den VfL Bochum an einem üsseligen Freitag, als wir vor 11.000 Zuschauern schon nach der 31. Minute 3:0 führten und dieses Spiel dennoch 3:4 vergeigten. Das war 1991, aber über dieses Spiel reden wir heute nicht. Dennoch ist Bochum wieder der Hauptdarsteller.
Es ist eines jene Spiele, die sich wie ein rostiger Haken für immer in der Seele festsetzen.
Dieses hier gehört dazu. Genauer gesagt:
Es ist das schlimmste Spiel meines Lebens.

Nun mag man einwenden, dass Fortuna Düsseldorf in den vergangenen Jahrzehnten durchaus andere Katastrophen erlebt hat. Abstiege, defekte Faxgeräte, Regionalliga, Wuppertal an einem Dienstagabend und diverse sportliche Verbrechen, die nach der Genfer Konvention eigentlich verboten sein müssten.
Alles richtig. Aber nichts davon kommt an diesen Abend heran, denn selten war das Versprechen des Glücks größer. Und selten war sein Verrat grausamer.
Beginnen wir mit einer einfachen Tatsache:
Wir hatten das Relegationshinspiel in Bochum mit 3:0 gewonnen.
3:0, Drei zu Null !
Eine Führung, bei der selbst langjährige Fortuna-Fans kurz darüber nachdenken, die übliche Vorsicht abzulegen. Nur kurz natürlich. Denn wer Fortuna kennt, weiß, dass Optimismus stets mit äußerster Vorsicht zu genießen ist. Dennoch war die Bundesliga zum Greifen nah. Die Stadt vibrierte. Die Südtribüne vibrierte. Selbst die größten Pessimisten begannen heimlich von Erstligaauswärtsfahrten zu träumen. Dieser Verfasser selbstverständlich nicht, zumindest nicht öffentlich.
Ich werde niemals vergessen, wie ich vor dem Spiel auf dem Plateau noch meinen Schwager traf, der angeregt mit Andi von den Hosen über den bevorstehenden Abend diskutierte. Die Stimmung war gelöst. Dann fiel dieser eine Satz. Kurz vor dem Anpfiff sagte einer der Jungs:
„Komm, lass uns aufsteigen!“
Kein Konjunktiv. Kein Zweifel. Nicht „vielleicht“ oder „hoffentlich“.
Einfach:
„Komm, lass uns aufsteigen.“
Rückblickend betrachtet hätten wir an dieser Stelle misstrauisch werden müssen. Die Fortuna-Götter mögen bekanntlich keine Selbstverständlichkeiten.
Dann begann das Rückspiel.
Und schon nach wenigen Minuten schlich sich dieses Gefühl ein. Ihr kennt es. Hier stimmt etwas nicht, dieses leise Klopfen im Hinterkopf. Die innere Stimme, die flüstert: “Das wird heute noch unangenehm.”
Bochum traf. Halbzeit. Im Stadion begann man ein Raunen wahrzunehmen: „Wir werden es wieder verkacken.“ Und natürlich wendete sich das Schicksal gegen uns. Bochum traf in der zweiten Halbzeit zweimal, der Vorsprung aus dem Hinspiel war dahin. Und plötzlich geschah etwas, das Fortuna-Fans eigentlich perfekt beherrschen: Panik. Das Stadion wurde zunehmend nervöser. Die Gesichter länger. Die Stimmen leiser.
Irgendwo zwischen Hoffnung und drohendem Nervenzusammenbruch versuchten Zehntausende Menschen gleichzeitig, das Universum durch reinen Willen zu beeinflussen. Mit überschaubarem Erfolg. Die Fußballgötter hatten beschlossen, sich an diesem Abend einen besonders geschmacklosen Scherz zu erlauben. Oder lag es am Namen der Glücksgöttin Fortuna, dass wir sie erzürnt hatten? Wer weiß das schon.
Verlängerung. Elfmeterschießen.
Dieser Autor kann nicht mit Sicherheit sagen, wie viele Lebensjahre ihn dieses Elfmeterschießen gekostet hat. Die Schätzungen reichen von drei bis zwölf Jahren. Aber wir alle wussten, schon vor dem ersten Elfmeter, wie es enden würde. Eigentlich hätten wir gar nicht erst anfangen müssen. Takashi Uchino hieß der Unglückliche, dem diesmal die Ehre zuteilwurde, auf Fortuna-Art unsterblich zu werden.
Vorbei. Aus. Ende. Die Bundesliga fuhr nach Bochum.
Und wir blieben zurück.

Für einen kurzen Moment herrschte jene besondere Stille, die nur Fußball erzeugen kann. Keine normale Stille. Sondern die Art von Stille, in der Zehntausende Menschen gleichzeitig versuchen zu begreifen, was gerade passiert ist.
Man starrt auf den Rasen. Auf die Anzeigetafel. Auf den Himmel. Auf völlig fremde Menschen. In der Hoffnung, irgendjemand könnte erklären, was da gerade geschehen ist.
Niemand konnte es.
Und dann begann es zu regnen. Natürlich begann es zu regnen. Nicht dieser angenehme Sommerregen. Es regnete wie aus Kübeln. Als hätte selbst der Himmel beschlossen, sich dem allgemeinen Elend anzuschließen. Dieser Verfasser marschierte anschließend gemeinsam mit Tausenden anderen niedergeschlagenen Seelen durch die nasse Düsseldorfer Nacht. Vollkommen durchnässt. Vollkommen leer.
Ich habe als kleiner Pänz die Europapokal-Niederlage gegen den großen FC Barcelona vor dem Fernseher miterlebt. Natürlich war ich traurig. Aber am nächsten Morgen ging ich trotzdem stolz zur Schule. Mit dem Gefühl, etwas Besonderes gesehen zu haben. Vielleicht war ich damals noch zu jung, um zu verstehen, dass dies Fortunas letzter großer Auftritt auf der internationalen Fußballbühne bleiben würde. Bochum war anders. Gegen Barcelona verlor man gegen eine Fußballweltmacht. Gegen Bochum verlor man gegen das Schicksal. Und das nimmt man persönlich.
Der Fußball ist nicht deshalb großartig, weil man gewinnt.
Das wäre viel zu einfach. Fußball bedeutet Hoffnung und manchmal bedeutet Hoffnung eben auch Enttäuschung. Aber vielleicht war genau dieser Abend die perfekte Erinnerung daran, was es bedeutet, Fortuna-Fan zu sein. Und irgendwann sitzt du Jahre später mit Freunden zusammen, bestellst ein Alt und erzählst die Geschichte erneut.
Von diesem einen Abend. Von dieser einen Relegation. Von diesem einen Spiel.
Dem schlimmsten Spiel meines Lebens.
Bis zum nächsten.
Die Zeit wird es zeigen… und dieser Verfasser wird es niederschreiben, Ihre ergebener
Lord Hadden Langston




