Werte Leserschaft, in einer gerechten Welt wäre diese Geschichte niemals passiert. Hat jemand, der für den Eintritt in ein Fußballstadion bezahlt hat, ein Recht auf freie Sicht? Ja, natürlich. Damit wäre die Diskussion eigentlich beendet.
„Wir haben bezahlt, wir wollen was sehen!“
Hallte es einst durch das weite Rund des alten Düsseldorfer Rheinstadions. Sicherlich anders gemeint, als dieser Verfasser es hier niederschreibt, doch im Grunde passt der Satz erstaunlich gut zu einer Debatte, die die Düsseldorfer Fanszene seit geraumer Zeit beschäftigt. Zaunfahnen, Schwenkfahnen, Doppelhalter, Blockfahnen. Und die Frage, ob all das die Sicht auf das Spiel behindert.
Die Antwort lautet selbstverständlich:
Ja.
Natürlich tun sie das.

Eine drei Meter breite Schwenkfahne verbessert die Sicht auf den linken Strafraum ungefähr so sehr wie ein Reisebus vor dem Wohnzimmerfenster die Aussicht auf den Sonnenuntergang. Wer etwas anderes behauptet, macht sich unglaubwürdig. Darüber zu diskutieren ist ungefähr so aussichtslos, wie einen Veganer von den Vorzügen der Massentierhaltung überzeugen zu wollen. Man wird diese Debatte verlieren. Und zwar völlig zurecht.
Denn auf der Ebene des grundsätzlichen Arguments ist die Sache klar: Wer bezahlt, möchte etwas sehen.
„Ja, aber im Stadion gelten andere Regeln.“
„Das Stadion ist doch kein rechtsfreier Raum.“
Diese Sätze fallen meist innerhalb weniger Sekunden und kommen mit der Geschwindigkeit eines Konters über die Außenbahn. Und wissen Sie was? Auch damit haben die Kritiker recht. Doch vielleicht führt uns genau das an der eigentlichen Frage vorbei.Denn die Debatte dreht sich nicht darum, ob jemand ein Recht auf freie Sicht hat.
ie spannende Frage lautet vielmehr:
Was ist eine Kurve eigentlich? Warum machen Menschen so etwas überhaupt?
Die Kurve gehört zu den letzten Orten unserer Gesellschaft, an denen Menschen noch kollektiv aus sich herausgehen dürfen.
Man darf schreien. Man darf singen. Man darf jubeln. Man darf fluchen. Man darf sich freuen wie ein Kind oder ärgern wie ein Berserker. Niemand hält einen für seltsam. Während unser Alltag zunehmend reglementiert, organisiert und digitalisiert wird, bleibt die Kurve ein erstaunlich anarchischer Ort. Ein Ort, an dem nicht alles perfekt funktioniert oder alles bequem ist. Ein Ort, an dem Menschen manchmal aneinandergeraten, diskutieren und unterschiedliche Vorstellungen haben.
Was mich jedoch überrascht, ist die Vorstellung, man könne all die Dinge haben, die eine aktive Fanszene ausmachen, ohne die Begleiterscheinungen in Kauf nehmen zu müssen.

Man möchte Choreografien. Aber keine Fahnen. Man möchte eine aktive Kurve. Aber keine Schwenker. Man möchte Stimmung. Aber möglichst ohne Sichtbehinderung. Das ist ungefähr so, als wolle man ein Lagerfeuer ohne Rauch.
Die Frage ist also nicht, ob Sichtbehinderung existiert.Die existiert. Die Frage ist vielmehr, wie viel davon eine Fanszene akzeptieren möchte, um das zu bewahren, was sie ausmacht. Denn seien wir ehrlich: Mich hat als kleiner Pänz nicht der Einwurf in der 37. Minute zum Fortuna-Fan gemacht. Es waren die Lautstärke, die Fahnen, die Gesänge und dieses wilde, ungezügelte Gefühl, dass hier etwas anders war als im normalen Leben. Hier war es anders als in der Schule. Anders als zuhause. Anders als überall sonst. Hier wollte ich wieder hin.
In einer perfekten Welt würden wir uns zusammensetzen, miteinander reden und eine Lösung finden, die für beide Seiten akzeptabel wäre.
Doch die Welt ist nicht perfekt. Sie war es nie.Und sie wird es vermutlich auch niemals sein. So bleibt vieles, wie es schon immer war. Ein Konflikt, der wahrscheinlich schon existierte, als die ersten Fortuna-Fans im alten Rheinstadion darüber diskutierten, wo man stehen sollte.
Die Älteren beklagen die Rücksichtslosigkeit der Jüngeren. Die Jüngeren werfen den Älteren vor, nicht mehr zu verstehen, worum es eigentlich geht.
Oder um es mit den Worten von Rage Against The Machine zu sagen:
“Fuck you, I won’t do what you tell me.”
Und dennoch werden wir vermutlich auch in zehn Jahren dieselbe Diskussion führen.
Die einen hinter einer Fahne. Die anderen davor. Und wie immer gehören am Ende beide zur selben Kurve.
In steter Ergebenheit,
Lord Hadden Langston




