Werte Leserschaft, diesem Verfasser ist zu Ohren gekommen, dass ein beträchtlicher Teil der jüngeren Stadionbesucher bei dem Begriff Northern Soul zunächst an eine Indie-Band, eine Craft-Bier-Marke oder eine neue Netflix-Serie denkt.
Dies sei ihnen verziehen.
Denn während jeder zweite Fußballfan heute mühelos die Aufstellung von Manchester City herunterbeten kann, wissen nur noch wenige, warum unsere kleine Sektion überhaupt den Namen Soul City trägt.Die Antwort findet sich nicht in einem Stadion. Nicht auf einer Tribüne. Nicht einmal in Düsseldorf. Sondern in den Industrie- und Arbeiterstädten Nordenglands der späten Sechziger- und Siebzigerjahre.
Genauer gesagt auf staubigen Tanzflächen, auf denen junge Menschen die ganze Nacht zu obskuren amerikanischen Soulplatten tanzten, die selbst in den USA längst vergessen waren. Wer verstehen möchte, worum es dabei ging, dem sei der Film Northern Soul ans Herz gelegt. Ein Film, der weit mehr ist als eine Musikgeschichte.

Fun Fact: Dieser Verfasser verbrachte selbst viele Jahre auf Northern-Soul-Allnightern zwischen Tanzfläche, Plattenkisten und durchgetanzten Nächten. Das Urteil fällt daher eindeutig aus: Kaum ein Film hat den Geist dieser Szene authentischer eingefangen als Northern Soul
Die Handlung folgt zwei Jugendlichen im Nordengland der Siebzigerjahre, die über die Northern-Soul-Szene eine völlig neue Welt entdecken. Eine Welt voller Musik. Voller Stil, voller Exzess. Und voller Zugehörigkeit. Wer genau hinsieht, erkennt erstaunliche Parallelen zur heutigen Fankultur. Auch hier geht es um Gemeinschaft. Um Identität. Um das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein.
Denn lange bevor elektronische Musik riesige Hallen füllte und Raves zu Massenveranstaltungen wurden, gab es bereits die legendären Northern-Soul-Allnighter.
Dieser Verfasser kann nicht umhin zu bemerken, dass moderne DJ-Kultur und die spätere Rave-Szene erstaunlich viele Elemente von Northern Soul übernommen haben. Die nächtlichen Veranstaltungen. Die Pilgerreisen durchs Land. Die Jagd nach exklusiver Musik. Die Besessenheit für bestimmte Tracks. Northern Soul war seiner Zeit weit voraus.
Besonders faszinierend ist der Tanzstil.
Wer alte Aufnahmen sieht, glaubt zunächst an eine Zeitreise. Akrobatische Spins. Backdrops. Manche Bewegungen wirken erstaunlich modern. Nicht wenige Tanzhistoriker sehen darin sogar Vorläufer jener Bewegungen, die später im Breakdance und Hip-Hop wieder auftauchten.
“Northern Soul is a combination of four things: the music, the dancing, the fashion, and the drugs. Take one of them away, and it wouldn’t be the subculture it is.”
Die legendären Allnighter dauerten oft bis in die frühen Morgenstunden. Der Film verschweigt dabei nicht, dass die Szene eng mit dem Konsum von Aufputschmitteln verbunden war. Ein Kapitel der Northern-Soul-Geschichte, das ebenso dazugehört wie die Musik, die Tanzflächen und die endlosen Nächte.
Vielleicht liegt darin auch die Verbindung zu Fortuna Düsseldorf. Man kann einem Außenstehenden erklären, warum man seit Jahrzehnten einem Verein folgt, der regelmäßig Herzschmerzen verursacht. Verstehen wird er es trotzdem nicht. Genauso wenig wie man Northern Soul wirklich erklären kann. Man muss die Musik hören. Die Energie spüren. Die Menschen kennenlernen.
Erst dann versteht man, warum Jahrzehnte später eine kleine Ultra-Sektion in Düsseldorf noch immer den Namen Soul City trägt.
In steter Ergebenheit,
Lord Hadden Langston




