Werte Leserschaft, es gibt Ereignisse, die selbst den abgeklärtesten Fortuna-Fan kurz innehalten lassen. Von einem solchen soll heute berichtet werden. Der Himmel ist seit heute deutlich lauter geworden, denn der letzte echte Rockstar hat die Bühne verlassen.
Lemmy ist tot.
Mit seinem Tod verliert die Musikwelt weit mehr als nur den Frontmann von Motörhead. Sie verliert einen der letzten Menschen, bei dem man nie das Gefühl hatte, eine Rolle zu beobachten. Lemmy musste nichts darstellen. Er war Rock’n’Roll.
Keine inszenierten Social-Media-Kampagnen. Kein geschniegeltes Managementprodukt. Nur ein Mann mit einer Reibeisenstimme, einer Flasche Jack Daniel’s, einer Zigarette und Musik, die klang, als würde ein Güterzug durch dein Wohnzimmer fahren. Ich selbst habe Motörhead in den vergangenen dreißig Jahren bestimmt fünfzehn bis zwanzig Mal live gesehen. Und jedes einzelne Konzert war genau das, was man erwartete. Laut. Ehrlich. Kompromisslos.
Lemmy hat etwas geschafft, das nur sehr wenigen Musikern gelingt: Er blieb glaubwürdig. Über fünf Jahrzehnte lang. Ohne sich anzubiedern. Ohne seine Musik dem Mainstream anzupassen. Ohne sich neu zu erfinden, nur weil es gerade angesagt war. Mir fallen vielleicht drei oder vier Bands ein, denen ich das ebenfalls zuschreiben würde. Motörhead gehörte immer dazu.

Fun Fact: „Motorhead“ war amerikanischer Slang für einen Amphetaminkonsumenten. Lemmy schrieb den Song “Motorhead” noch während seiner Zeit bei Hawkwind. Nachdem er 1975 aus der Band geworfen wurde, benannte er seine neue Band nach diesem Song. Aus Motorhead wurde Motörhead – inklusive des berühmten Umlauts, der laut Lemmy „einfach böse aussah“, aber keinerlei deutsche Aussprache haben sollte.
Motörhead gehörte schon immer zum Soundtrack meines Lebens. Irgendwo zwischen Discharge, Slayer, den Ramones und den ewigen Auswärtsfahrten liefen immer wieder die ersten Akkorde von Ace of Spades oder Overkill. Selbst heute muss ich noch lachen, wenn ich an das Gesicht meiner Mutter denke, als sie zum ersten Mal das riesige Lemmy-Poster in meinem Jugendzimmer entdeckte.
Zwei riesige Warzen im Gesicht und ein Gebiss wie eine Klaviertastatur. Eine Zigarette im Mundwinkel. Und selbstverständlich eine Flasche Jack Daniel’s in der Hand.
Mütter hatten es in den Achtzigern wirklich nicht leicht.
Wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag erhielt Lemmy die Diagnose Krebs. Nur zwei Tage später war er tot.
Als Motörhead den Tod ihres Frontmanns bekannt gab, baten sie die Fans ausdrücklich darum, nicht zu trauern. Sondern das zu tun, was Lemmy sein ganzes Leben getan hatte.
Die Musik laut aufzudrehen. Etwas zu trinken. Und das Leben zu feiern. Dieser Aufforderung kommt dieser Verfasser selbstverständlich nach.

Also…
Also dreht Motörhead laut. Sehr laut. Hebt das Glas. Und stoßt auf einen Mann an, der bis zu seinem letzten Tag genau das blieb, was er immer gewesen war: Rock’n’Roll.
Motörhead forever.
Forever Motörhead.



