Eintracht Braunschweig – Fortuna Düsseldorf – Soul City Match Stories
Werte Leserschaft, wenn man Fortuna Düsseldorf lange genug begleitet, entwickelt man irgendwann eine bemerkenswerte Eigenschaft. Man verliert den Glauben an Wahrscheinlichkeiten. Dass dieser Verein allerdings auch Spiele hervorbringen kann, die sich jeder Beschreibung entziehen, wurde mir an einem sonnigen Samstag im Mai 2009 bewusst. Bis heute behaupte ich, niemals wieder ein verrückteres Fußballspiel erlebt zu haben. Und glauben Sie mir, nach dreißig Jahren auf Düsseldorfer Stehplätzen hat dieser Verfasser einiges gesehen.
Die Ausgangslage war damals eigentlich vielversprechend. Vier Spieltage vor Saisonende befand sich Fortuna mitten im Aufstiegsrennen der neu gegründeten 3. Liga. Union Berlin marschierte vorne einsam Richtung Zweite Bundesliga, doch dahinter war plötzlich alles offen. Gerade einmal zwei Punkte trennten uns von Paderborn auf dem direkten Aufstiegsplatz und von der SpVgg Unterhaching auf dem Relegationsrang. Jeder wusste, dass wir uns praktisch keinen Ausrutscher mehr erlauben durften. Jeder Punkt konnte am Ende darüber entscheiden, ob man ein weiteres Jahr durch Ahlen, Burghausen und Sandhausen tingelte oder endlich wieder dorthin zurückkehrte, wo Fortuna nach Meinung ihrer Anhänger ohnehin hingehörte.

Selbstverständlich saß ich an diesem Morgen im Bus Richtung Niedersachsen. Alles andere wäre schließlich auch merkwürdig gewesen. Die Stimmung war gut, wenn auch ein wenig angespannt. Jeder wusste, worum es ging. Es waren genau diese Auswärtsfahrten, bei denen niemand besonders laut vom Aufstieg sprach, obwohl ihn insgeheim jeder im Kopf hatte. Man redete lieber über belanglose Dinge, trank sein erstes Bier und versuchte sich einzureden, dass heute einfach nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zurück in die Zweite Liga werden würde.
Als wir schließlich das alte Eintracht-Stadion erreichten, wurde mir wieder bewusst, warum ich solche Auswärtsfahrten so liebte. Das Stadion hatte noch Charakter. Keine Arena aus Glas und Stahl, keine VIP-Lounges mit Ledersesseln, sondern ein ehrliches Fußballstadion aus Beton, in dem der Wind ungehindert durch die offene Gästekurve pfiff. Wer dort stand, wusste anschließend wenigstens wieder, wie sich Regen und Gegenwind anfühlen. Genau solche Stadien machten für mich den Charme der damaligen Dritten Liga aus.

Ich glaube, ich hatte mein Bier noch nicht einmal richtig abgestellt, da zappelte der Ball bereits zum ersten Mal in unserem Netz. Nicht einmal eine Minute war gespielt und Fortuna lag hinten. Im Gästeblock sah man sich kurz an, zuckte mit den Schultern und dachte sich: Na wunderbar, das fängt ja hervorragend an.
Zehn Minuten später führten wir plötzlich.
Und genau in diesem Moment hätte man eigentlich ahnen müssen, dass dieser Nachmittag völlig aus dem Ruder laufen würde. Dieses Spiel hatte ein Tempo, das einen kaum zum Durchatmen kommen ließ. Kaum hatte man sich über ein Tor gefreut, stand der Gegner schon wieder vor unserem Strafraum. Kaum hatte man sich darüber geärgert, fiel auf der anderen Seite der nächste Treffer. Es fühlte sich an, als hätte irgendjemand beschlossen, sämtliche Fußballregeln für neunzig Minuten außer Kraft zu setzen.
Besonders absurd wurde die Angelegenheit, als der Schiedsrichter gefühlt im Minutentakt auf den Elfmeterpunkt zeigte. Drei Strafstöße für Braunschweig in einem einzigen Spiel. Allein das klingt heute noch wie ein schlechter Scherz. Michael Melka hielt die ersten beiden und entwickelte sich langsam aber sicher zum Schutzpatron sämtlicher mitgereister Fortuna-Fans. Irgendwann hatte man beinahe den Eindruck, dass selbst die Braunschweiger Spieler nicht mehr so recht daran glaubten, vom Punkt überhaupt noch ein Tor erzielen zu können. Trotzdem blieb dieses Spiel völlig unberechenbar. Jede Minute schien ihre eigene Geschichte erzählen zu wollen.

Als Marco Christ schließlich wenige Minuten vor Schluss den Freistoß zum 5:4 in den Winkel setzte, explodierte der Gästeblock. Ich sehe dieses Tor heute noch vor mir. Menschen sprangen übereinander, Bier flog durch die Luft und irgendwo hinter mir brüllte einer:
“Das war’s! Das nehmen die uns jetzt nicht mehr!”
Eigentlich hätte man es besser wissen müssen. Denn wenn Fortuna einem in all den Jahren eines beigebracht hat, dann dies: Solange der Schiedsrichter nicht abgepfiffen hat, ist überhaupt nichts entschieden.
Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis Braunschweig noch einmal zurückschlug. 5:5. In der letzten Minute.
Es war einer dieser Momente, in denen man gar nicht mehr wusste, wie man reagieren sollte. Jubeln konnte man nicht. Ärgern irgendwie auch nicht. Stattdessen standen wir einfach da und schauten auf die Anzeigetafel, als würden wir hoffen, dass sie sich gleich entschuldigt und das Ergebnis heimlich wieder ändert. Als der Schiedsrichter schließlich abpfiff, fühlte sich dieses Unentschieden seltsam an. Natürlich hatten wir im Aufstiegskampf zwei wichtige Punkte liegen lassen. Gleichzeitig wusste aber jeder im Gästeblock, dass wir gerade etwas erlebt hatten, worüber wir wahrscheinlich noch in zwanzig Jahren sprechen würden. Und genau so ist es gekommen. Immer wenn irgendwo die Behauptung aufgestellt wird, Fußball sei inzwischen vollkommen durchanalysiert, berechenbar und von Daten bestimmt, muss ich an diesen Nachmittag in Braunschweig denken. An das alte Stadion. An die offene Gästekurve. An Michael Melka, der zwei Elfmeter hielt. An Marco Christ. An zehn Tore. An drei Elfmeter. Und an ein Handy, das vermutlich noch nie während eines Fußballspiels so oft geklingelt hatte.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir Woche für Woche wieder in den Bus steigen. Nicht wegen Tabellen, Statistiken oder Wahrscheinlichkeiten. Sondern wegen Nachmittagen wie diesem, an denen Fußball für neunzig Minuten völlig den Verstand verliert. Braunschweig 2009 war genau so ein Tag. Und vermutlich wird dieser Verfasser auch in dreißig Jahren noch davon erzählen.
In diesem Sinne: Bleiben Sie standhaft, der nächste Spieltag kommt bestimmt.
Ihr ergebener
Lord Hadden Langston




